Donnerstag, 7. Januar 2016

Über Carl Gustav Jung

C. G. Jung, Familiengrab bei der Reformierten Kirche Küsnacht

Vocatus atque non vocatus, Deus aderit.

Invoked or not invoked, God is present.

Gerufen oder ungerufen, wird die Gottheit gegenwärtig sein.

Das steht an seinem Haus und ist ein Teil des Grabsteins der Familie Jung, in Latein (das Englische und Deutsche ist oben nur dabei, um ein wenig die Bedeutungswolke anzudeuten, die die Worte umgibt).

Auf den Längsseiten des Grabsteins wird Paulus zitiert, ebenfalls in Latein:

Primus homo de terra terrenus, Secundus homo de caelo caelestis.

The first man is of the earth, earthy; the second man is of heaven and is heavenly.

Der erste Mensch ist von der Erde und irdisch; der andere Mensch ist der Herr vom Himmel.
1. Korinther 15.47

Jung über einen Patienten, der selber Arzt war: Dieser erzählte ihm, er habe eine wunderbare Nacht gehabt und den ganzen Himmel mit Quecksilberchlorid desinfiziert, dabei aber keine Spur von Gott entdeckt.

„Das Christentum zerteilte den germanischen Barbaren in seine untere und obere Hälfte, und so gelang es ihm – nämlich durch Verdrängung der dunklen Seite – die helle Seite zu domestizieren und für die Kultur geschickt zu machen. Die untere Hälfte aber harrt der Erlösung einer zweiten Domestikation. Bis dahin bleibt sie assoziiert mit den Resten der Vorzeit, mit dem kollektiven Unbewußten, was eine eigentümliche und steigende Belebung des kollektiven Unbewußten bedeuten muß. Je eher die unbedingte Autorität der christlichen Weltanschauung sich verliert, desto vernehmlicher wird sich die 'blonde Bestie' in ihrem unterirdischen Gefängnis umdrehen und uns mit einem Ausbruch mit verheerenden Folgen bedrohen“. Das könne auftreten als „eine psychologische Revolution beim Einzelnen“ oder auch als „soziales Phänomen“.
C. G. Jung 1918 in „Über das Unbewußte“

Es ist erstaunlich, daß Jung das 1918 schrieb, dem Jahr, in dem der Untergang des Abendlandes manifest wurde, der unbegreiflichen und mutwilligen Selbstzerstörung Europas, die immer noch andauert.

In einem kurzen, mich etwas ärgernden Austausch kürzlich, bemerkte ich, wie sich der Begriff kaum noch erreichbar weit entfernt hat und wie die Erschütterung über das, was da zwischen 1914 und 1918 angerichtet wurde, kaum vermitteln läßt. Man kann nur einen Verlust spüren, wenn einem die Sache vertraut ist. Nach meinem Empfinden könnte dies ein Hauptantrieb Jungs gewesen sein - zu erkunden, was in der europäischen Seele eingestürzt sein muß, warum vermutlich die ganze vorherrschende Auffassung von den Grundlagen eines kultivierten Gemeinwesens, der europäischen Seele gefährlich defizitär war. Er war also einer der verbliebenen Verteidiger dieses merkwürdigen Abendlandes, genauer gesagt, er ist es, wenn man versucht, ihn zu lesen.

Oder um auf den Grabspruch mit Galater 6.8 zu antworten:

Wer auf sein Fleisch sät, der wird von dem Fleisch das Verderben ernten; wer aber auf den Geist sät, der wird von dem Geist das ewige Leben ernten. 

Im „Individuationsprozeß“, der „Selbstwerdung“ wird der Mensch zu dem, was er ist oder besser, was er sein sollte. Denn die Menschwerdung des Menschen ist noch nicht abgeschlossen.

Das Verderben, die transzendentielle Obdachlosigkeit, eine entkernte hoffnungslose Gesellschaft, den Abbau des Humanen, das Erleben wir gerade.

Wir trösten uns kurz mit Thomas von Aquin

Impossibile est appetitum naturalem esse frustra. Sed homo naturaliter appetit perpetuo manere. Quod patet ex hoc quod esse est quod ab omnibus appetitur: homo autem per intellectum apprehendit esse non solum ut nunc, sicut bruta animalia, sed simpliciter. Consequitur ergo homo perpetuitatem secundum animam, qua esse simpliciter et secundum omne tempus apprehendit.

Thomas v. Aquin, Summa contra Gentiles, lib. 2 cap. 79 n. 6

Unmöglich kann ein naturhaftes Begehren vergeblich sein. Allerdings begehrt der Mensch von Natur aus, immerwährend zu bleiben. Während jedoch alles danach strebt zu existieren, begreift der Mensch das Sein nicht allein im Jetzt, wie die Tiere es tun, sondern schlechthin. Deshalb strebt der Mensch nach dem überdauernden Bleiben seiner Seele, wodurch er die Existenz schlechthin und für alle Zeit erfaßt. 

Warum das alles? Ich habe einen Teil meiner (theoretisch umfänglichen) Notizen zu Jung wiedergefunden, das obige ist ein kleiner Ausschnitt (an diesem Ort finden sich jedenfalls kaum Spuren davon, was mich, offen gesagt, leicht verblüffte). Vor allem aber, ich hatte mir eine Art Lesehilfe zu seinem Büchlein „Antwort auf Hiob“ „zusammenzaubert“, das so abgründig interessant, wie teilweise abweisend hermetisch ist (wie der Autor generell). Daraus einen lesbaren Text zu schaffen (also vor allem nochmals zu kürzen) und hier vorzustellen, vielleicht gelingt es mir ja.

So für die Zukunft der Zweifel, die Vergangenheit das Bedauern, aber nach innen das unentdeckte Land.

Kommentare:

Brettenbacher hat gesagt…

Es käme wie gerufen !

MartininBroda hat gesagt…

Ja, aber erwarten Sie nicht zu viel. Einmal fühle ich mich nicht kompetent genug. Zum anderen bewundere ich zwar Jung, mag aber den Fachjargon seiner Anhängerschaft oft nicht, ich muß mich also durchmogeln, wird also eine recht subjektive Geschichte werden. Angefangen habe ich jedenfalls, wie Sie sehen.

DirkNB hat gesagt…

Da gehts den Jung-Anhängern wohl wie den Weinverkostern. Deren Fachjargon zeugt bestenfalls oft auch nur von viel Phantasie, aber ob die abgedrehten Verbalorgien den Geschmack wirklich beschreiben, steht auf einem anderen Etikett. Eine gewisse Reproduzierbarkeit oder Standardisierung (in der Beschreibung, nicht im Produkt) wäre mal eine Idee.