Samstag, 9. Januar 2016

C. G. Jung „Antwort auf Hiob“ - 1

William Blake - Newton

Ich hatte anmaßend versprochen, eine Art Lesehilfe zu C. G. Jungs 1952 erschienenen Büchlein „Antwort auf Hiob“ bringen zu können. Natürlich vermag ich das nicht. Aber ich kann es ja versuchen, und die ganzen Kommentare und betretenen Entschuldigungen verschieben wir in einen anderen Teil. Es beginnt also eine Art von Nacherzählung.

Jung betont die Autonomie des Geistes gegenüber der physischen Wahrnehmung und umreißt seine Methodik.

„Die Tatsache, daß die religiösen Aussagen oft sogar im Gegensatz zu den physisch beglaubigten Erscheinungen stehen, beweist die Selbständigkeit des Geistes gegenüber der physischen Wahrnehmung und eine gewisse Unabhängigkeit der seelischen Erfahrung von den physischen Gegebenheiten. Die Seele ist ein autonomer Faktor, und religiöse Aussagen sind seelische Bekenntnisse, die in letzter Linie auf unbewußten, also transzendentalen Vorgängen fußen.“

Letztere seien der physischen Wahrnehmung unzugänglich, bewiesen aber ihr Vorhandensein durch entsprechende Bekenntnisse der Seele. Daher komme es, daß, wenn wir von religiösen Inhalten redeten, wir uns in einer Welt von Bildern bewegten, welche auf ein Ineffabile hindeuteten.

Jung verteidigt also erst einmal die Autonomie des Geistes (und der verschüttete Platoniker in einem jauchzt auf, Entschuldigung) und fragt zu recht, wie kann sich eine Erfahrungsrichtung anmaßen, einen exklusiven Zugang zur Erkenntnis des Wesens der Welt etc. etc. zu beanspruchen.

„Wir wissen nicht, wie deutlich oder wie undeutlich diese Bilder, Gleichnisse und Begriffe hinsichtlich ihres transzendentalen Gegenstandes sind. Sagen wir z. B. 'Gott', so äußern wir ein Bild oder einen Wortbegriff, der im Laufe der Zeit viele Wandlungen erlebt hat. Dabei sind wir außerstande, mit irgendwelcher Sicherheit anzugeben - es sei denn durch den Glauben -, ob diese Veränderungen nur Bilder und Begriffe, oder das Unaussprechliche selber betreffen. Man kann sich ja Gott ebenso wohl als ewig strömendes, lebensvolles Wirken, das sich in unendlichen Gestalten abwandelt, wie als ewig unbewegtes, unveränderliches Sein vorstellen.“

Jung verweigert sich zurecht als Psychologe eines Urteil darüber, ob Gott sich wandle oder unser Bild von ihm.

Unser Verstand sei sich nur des einen gewiß, daß er nämlich Bilder handhabe, die sich vielfach gewandelt hätten. Unzweifelhaft liege diesen Bildern aber ein bewußtseinstranszendentes Etwas zugrunde, welches bewirke, daß die Aussagen nicht schlechthin grenzenlos und chaotisch variierten, sondern erkennen ließen, daß sie sich auf einige wenige Prinzipien bzw. Archetypen bezögen. (Diesen Begriff wollen wir jetzt lieber nicht kommentieren, aber man ahnt, daß die Eingangsbemerkung... nun man weiß jetzt etwa, was gemeint war (hoffentlich mich eingeschlossen)).

Das Unbewußte hat also eine lesbare, nicht willkürliche Morphologie!

Er sei sich völlig bewußt, sich in einer Bilderwelt zu bewegen, und keine einzige seiner Überlegungen könne an das Unerkennbare rühren. Aber er rede von seelischen Tatsachen.

Auch die Aussagen der Heiligen Schrift seien Äußerungen der Seele, sie gingen zunächst immer über unseren Kopf hinweg, indem sie auf bewußtseinstranszendente Wirklichkeiten verwiesen.

Vorstellungen dieser Art würden nicht erfunden, sondern träten als fertige Gebilde in die innere Wahrnehmung. Es seien spontane Phänomene, unserer Willkür entzogen, und man sei daher berechtigt, ihnen Autonomie zuzuschreiben. Man könne sie natürlich vom Standpunkt des Bewußtseins aus als Objekte beschreiben und bis zu einem Grade auch erklären, wenn man von ihrer Autonomie absähe.

„Zieht man diese aber in Betracht, so müssen sie notgedrungenerweise als Subjekte gehandhabt werden, das heißt, es muß ihnen Spontaneität und Absichtlichkeit, bzw. eine Art von Bewußtsein und von liberum arbitrium zuerkannt werden.“

„Man beobachtet ihr Verhalten und berücksichtigt ihre Aussagen. Dieser doppelte Standpunkt, den man jedem relativ selbständigen Organismus gegenüber einnehmen muß, ergibt natürlich ein doppeltes Resultat, einesteils einen Bericht darüber, was ich mit dem Objekt tue, andererseits darüber, was es (eventuell auch mit mir) tut.“ Zumal wir es mit dem Archetypus der Gottheit zu tun haben werden.

Anders gesagt, ich stoße auf Erfahrungen und es ist mir egal, ob ich nur die roten und grünen oder die gelben und blauen auch berücksichtigen darf. Was diese Farberscheinungen in mir verursachen, weiß ich erst einmal überhaupt nicht. Denn ich begegne einem Phänomen. Und dieses Phänomen hat eine Struktur, sie ist offenkundig nicht willkürlich. Also was ist es?

So mein kleiner Einstieg in die Lektüre. Ich finde den Rest zwar auch interessanter, aber Jungs methodologische Unbestechlichkeit beeindruckt mich jedesmal wieder. Denn eigentlich geht es ja darum, wie Gott, wenigstens in der europäischen Seele, endlich erwachsen wird (den Satz streichen wir sicher morgen, wenn wir wieder wacher sind).

wird vermutlich fortgesetzt

Kommentare:

Walter A. Aue hat gesagt…

Ja, bitte fortsetzen! Und den letzten Satz bitte nicht streichen, sondern die synchronistische(sorry, Jungian joke) Entwicklung des (christlichen) Gottes und des (abendlaendischen) Menschen ein wenig unter die Lupe nehmen! Danke!

MartininBroda hat gesagt…

Der Joke wurde verstanden (das ist in der Tat einer seiner kreativsten Gedanken). Ach, und wenn ich mein Skype-Paßwort wiedergefunden habe, will ich gern auf Ihre so freundliche Nachricht antworten, schön, daß es angekommmen ist. Die guten Wünsche erwidere ich schon mal.

Ich denke, ich werde erst einmal das Buch weitererzählen, die Kommentare, auf die ich erst ganz verzichten wollte, rutschen einem sowieso unweigerlich hinein, aber ich will mich wirklich beschränken. Schön, von Ihnen zu hören.