Freitag, 9. November 2012

9. November


Ich habe mich nun doch entschieden, meine belanglosen Bemerkungen, die ich an diesem Tag zugemutet hatte, hier nachzutragen. Die Herrschaften im Bild stellen einen Teil der Zuhörerschaft dar. Da dies, vor allem zum Ende hin, frei vorgetragen wurde, ist es eher eine zweifelhafte Rekonstruktion. Wie auch immer. Es folgt:


Der 9. November - 
Fußnoten zu einem Datum

Ich sehe gerade keine Damen, also:
Meine Herren!

Unser Herrgott muß des öfteren in merkwürdiger Gemütsverfassung gewesen sein, wenn es auf einen 9. November kam. Jedenfalls, soweit es Deutschland betrifft.

Am 18. Brumaire des Jahres VIII, oder in üblicher Zeitrechnung am 9. November 1799 putschte Napoleon, später bekannt als Kaiser der Franzosen oder auch „Weltgeist zu Pferde“. Nun ja. Revolutionäre haben üblicherweise dieses merkwürdige Bedürfnis, sich alles unterwerfen zu müssen, sogar die Zeit. Nicht, daß sie damit immer sehr erfolgreich waren, zum Glück.

Warum Napoleon hierher gehört? Er hat uns einiges an Unerfreulichem eingebrockt, was die letzten 200 Jahre angeht. Man vergißt heute gern, daß das deutsche Selbstbewußtsein und Nationalgefühl schließlich endlich erwachte, geradezu aufgepeitscht wurde, nachdem man einmal zuviel überfallen worden war. Von besagtem Napoleone Buonaparte nämlich, aus Ajaccio, Korsika.

Nun, die französische Weltherrschaft fiel für diesmal aus, aber gleichzeitig wurde auch die sowieso nur noch brüchig vorhanden gewesene Einheit Deutschlands egoistischen dynastischen Interessen deutscher Fürsten geopfert. Man muß das leider so deutlich sagen.

Wir eilen weiter durch die Zeit.

Vielleicht kennen manche den etwas seltsam klingenden Ausspruch: „Erschossen wie Robert Blum“. Warum sich gerade der Name dieses sogenannten „demokratischen Märtyrers“ im allgemeinen Gedächtnis erhalten hat, ist schwer zu sagen.

Als Abgeordneter der Frankfurter Nationalversammlung war er nach Wien gegangen und hatte dort den Oktoberaufstand persönlich kämpfend unterstützt. Nach dessen Niederschlagung nützt ihm auch seine Abgeordnetenimmunität nichts mehr, er wurde am  9. November 1848 ebendort standrechtlich erschossen.

Wir lassen das demokratische Abenteuer der 48er Erhebung hinter uns und geraten sogleich zur nächsten.

Nämlich ins Jahr 1918. Deutschland war dann doch noch geeint worden, aber sehr im Gegensatz zu den Vorstellungen eines Robert Blum etwa. Offensichtlich ließ sich auch in monarchischer Form ein freiheitlicher Staat begründen oder nach Eberhard Straub (von dem übrigens eine höchst bemerkenswerte Wilhelm II. - Biographie stammt, die wirklich lesenswert ist – ganz im Gegensatz zu einer, bei der mir gerade der Name des Autors entfallen ist, der dort in mehreren Bänden seinen Haß auslebt):

Das Wilhelminische Zeitalter brachte entgegen anders lautender Meinungen den freiesten deutschen Staat hervor, den es bis dato gegeben hat. Und um ihn wörtlich zu zitieren: „Die 25 Jahre von 1888 bis 1913 gehören neben der Reformationszeit und der 'Goethezeit' zu den großartigsten Epochen in der neueren deutschen Geschichte, in den Wissenschaften, den Künsten, in der Technik und Wirtschaft“.

Am 9. November 1918 nun begann ein Abstieg in vielerlei Hinsicht, der viele Jahrzehnte andauern sollte. Reichskanzler Maximilian von Baden verkündet unermächtigt die Abdankung Kaiser Wilhelm II. und übergibt die Macht an den Sozialdemokraten Friedrich Ebert.

Sein Parteigenosse Philipp Scheidemann ruft gegen 14 Uhr vom Reichstagsgebäude aus die „deutsche Republik“ aus. Zwei Stunden später verkündet Karl Liebknecht vom Berliner Stadtschloß aus die deutsche Räterepublik. Tatsächlich folgt die kurzlebige sogenannte „Weimarer Republik“.

Natürlich hat der Abstieg schon 1914 begonnen, mit dem Ausbruch eines Krieges in dessen Verlauf sich alle europäischen Großmächte gegenseitig in den Abgrund rissen, eine auch zivilisatorische Katastrophe, die die Grundlagen Europas zutiefst beschädigte.

Es ist viel gerätselt worden, was den 1. Weltkrieg verursacht habe. Zur Erinnerung: Es gab schließlich ein Attentat auf den österreichischen Thronfolger, bei dem Österreich - Ungarn nicht nur auf serbische, sondern mindestens auch russische Hintermänner schließen mußte.

Man hatte sich gründlich in Koalitionen eingegraben, an denen deutsche Ungeschicklichkeiten nicht schuldlos waren – das Flottenprogramm, die Nichtverlängerung des Rückversicherungsvertrages mit Rußland..., aber 2 Zitate mögen die Wahrheitsfindung beleben:

„Alles deutet auf Katastrophe und Zusammenbruch hin. Ich bin Feuer und Flamme, in Hochform und glücklich. Ist es nicht schrecklich, ein solcher Mensch zu sein?“ (28. Juli 1914)

Einige Jahre später - derselbe Urheber behauptet, keine Ressentiments gegenüber Deutschland zu hegen: „Die britische Politik verfolgt seit 400 Jahren das Ziel, der stärksten  Macht in Europa entgegenzuwirken, indem sie eine Koalition anderer Länder zuwege bringt, die stark genug ist, um dem Tyrannen die Stirn zu bieten. Dieser Tyrann war bald Spanien, bald das französische Königreich, bald das französische Kaiserreich, bald Deutschland. Für mich besteht kein Zweifel daran, wer heute der Tyrann ist. Doch würde Frankreich die Vorherrschaft in Europa anstreben, so würde ich mich ihm ebenfalls nach Kräften widersetzen. Auf diese Weise haben wir jahrhundertelang unsere Freiheiten gesichert und unsere Lebensart sowie unsere Macht gewahrt.“

Das war zwar 1938, aber es ist unwahrscheinlich, daß er 1914 anders dachte. Ach so, der Autor beider Zitate ist ein gewisser Churchill. Obwohl 1914 äußerlich noch nicht das wichtigste Mitglied des Kabinetts, ist er doch wesentlich mitverantwortlich für den Kriegseintritt Großbritanniens. Erst das Eingreifen Großbritanniens aber hat jenen Krieg zu diesem großen Brand angefacht.

Dabei war der Schutz der belgischen Neutralität eindeutig vorgeschoben. Man kennt  inzwischen britische Pläne, belgisches Territorium seinerseits zu besetzen, wenn es erforderlich erscheinen sollte. Die Deutschen waren lediglich zuvorgekommen.

Diese Details mögen nachrangig erscheinen, aber sie sind es nicht. Nicht nur gab es von alliierter Seite eine Gräuelpropaganda, die bis heute ihresgleichen sucht (sie wurde gewissermaßen damals überhaupt erst erfunden). Es begann die Dämonisierung Deutschlands, die sich fortsetzte, als man ihm die Alleinschuld am Kriegsausbruch vorwarf.

Ob es nun ein Akt schlechten Gewissens seitens der siegreichen Alliierten war, dem unterlegenen Deutschland die alleinige Kriegsschuld zuzuschieben, oder ob man einfach Rechtfertigungen brauchte, einen potentiellen Konkurrenten weiter so weit als möglich zu beschädigen, wenn man ihn schon nicht vernichten konnte. Das mag dahinstehen.

Der Versailler „Friedensvertrag“ war jedenfalls nichts anderes als die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln. Warum ihn Deutschland überhaupt unterschrieben hat? Es wäre anderenfalls besetzt worden, und eine noch größere Hungersnot als die schon bestehende drohte. Um Winston Churchill zu zitieren, aus einer Parlamentsrede am 3. März 1919, vier Monate nachdem das Deutsche Reich das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet hatte:

„Wir erzwingen die Blockade rigoros, und Deutschland steht am Rande einer Hungersnot.“ Deutschland war blockiert, seine Handelsschiffe, selbst die Fischerboote in der Ostsee waren beschlagnahmt. Der Kauf von Lebensmitteln im Ausland wurde verweigert.

Der „Friedensschluß“ brachte dann Gebietsabtretungen und -besetzungen (wie im Rheinland), hohe Reparationszahlungen, eine Vielzahl kleinlichster Schikanen wie der Raub von Patenten... Wir brechen die Aufzählung besser ab.

Bei kollektiven Handlungen verstärken sich nicht selten die Instinkte, die oft genug in die Irre führen. Daß unsere geistige Entwicklung einen Distinktionsgewinn gegen das Animalische erwirkt, ist leider oft eine trügerische Erwartung. Die politische Klugheit folgt immer noch eher der Maxime: „Senatores boni viri, senatus autem mala bestia“.

Warum diese längeren Ausführungen. Nun, wir kommen zum nächsten 9. November. Ein anderer Napoleon macht sich bemerkbar, um diesmal noch zu scheitern. Und man kann das Auftreten einer bestimmten Person nicht im geringsten verstehen, wenn man nicht den tiefen Fall beleuchtet, den Deutschland 1918/19 erlitten hat. Hitler ist in Versailles ausgebrütet worden. Und wem das zu stark erscheint, dem schildere ich kurz eine Szene vom 7. Mai 1919:

Premierminister Clemenceau, an seiner Seite US-Präsident Wilson: „Die Stunde hat geschlagen, da ihr eure Rechnung vollständig begleichen müßt...“. Er lehnt es ab, sich zu erheben, als der Reichsminister des Auswärtigen, Graf von Brockdorff-Rantzau seine Antwort vorliest:

„Wir kennen die Macht des Hasses, die uns hier gegenübertritt... Es wird von uns verlangt, daß wir uns als die Alleinschuldigen am Krieg bekennen sollen. Ein solches Bekenntnis wäre in meinem Mund eine Lüge... Die öffentliche Meinung in den Ländern unserer Gegner hallt wider von den Verbrechen, die Deutschland im Krieg begangen haben soll... Verbrechen im Kriege mögen nicht zu entschuldigen sein, aber sie geschehen im Ringen um den Sieg, in der Sorge um das Dasein der Nation, in der Leidenschaft. Die Hunderttausenden aber, die nach dem Kriege an der Blockade zugrunde gegangen waren, wurden mit kalter Überlegung getötet. Daran denken Sie, wenn Sie von Schuld und Sühne sprechen.“

Clemenceau, so liest man, lief krebsrot an. Lloyd George zerbrach beim Zuhören den elfenbeinernen Brieföffner in seiner Hand und erwiderte: „Es ist hart, wenn man den Krieg gewonnen hat und sich so etwas anhören muß.“ Wilson erregte sich: „Was für abscheuliche Manieren... die Deutschen sind wirklich ein dummes Volk und raunt Lloyd George zu: „Ist das nicht typisch für sie?“. Und der nicht gänzlich unbekannte Lord Balfour krönt alles mit: „Sie sind und bleiben Tiere!“

Manche mag es empören, wenn man dies zitiert (auch die Zitate selbst?). Aber man versteht nichts, wenn man sich nicht den Haß, die Verbitterung und die Not vergegenwärtigt, die als Treibsatz einer Karriere dienten, die uns nun beschäftigen muß.

1923 hatte Hitler zusammen mit Ludendorff die Absicht, nach dem Vorbild des „Marschs auf Rom“ Mussolinis von München aus nach Berlin zu marschieren, um dort die Macht an sich zu reißen. Der Marsch endete bereits an der Feldherrnhalle, für diesmal.

Es hatte sich in Bayern eine starke Opposition gegen die Reichsregierung gebildet, auch wegen des Umgangs mit dem Versailler Diktatfrieden, die Hitler auszunutzen versuchte. Der Putsch wird jedoch von der Bayerischen Landespolizei in München zusammengeschossen, nachdem der Bayerische Ministerpräsident Gustav Ritter von Kahr seine Unterstützung für den Putsch zurückgenommen und die Auflösung der NSDAP erklärt hatte.

Sie wird sich wieder gründen. Und unter dem Slogan „Freiheit und Brot“ erfolgreich werden. Wobei „Freiheit“ für den Kampf gegen den Diktatfrieden steht und die Abwendung der massenhaften Not leicht mit diesem in Zusammenhang zu bringen ist. Ich zitiere aus einer Rede des Reichstagsabgeordneten Otto Wels, Vorsitzender der SPD .

„Meine Damen und Herren! Der außenpolitischen Forderung deutscher Gleichberechtigung, die der Herr Reichskanzler erhoben hat, stimmen wir Sozialdemokraten um so nachdrücklicher zu, als wir sie bereits von jeher grundsätzlich verfochten haben.

Ich darf mir wohl in diesem Zusammenhang die persönliche Bemerkung gestatten, daß ich als erster Deutscher vor einem internationalen Forum, auf der Berner Konferenz am 3. Februar des Jahres 1919, der Unwahrheit von der Schuld Deutschlands am Ausbruch des Weltkrieges entgegengetreten bin...

Der Herr Reichskanzler hat auch vorgestern in Potsdam einen Satz gesprochen, den wir unterschreiben. Er lautet: 'Aus dem Aberwitz der Theorie von ewigen Siegern und Besiegten kam der Wahnwitz der Reparationen und in der Folge die Katastrophe
der Weltwirtschaft.“ Dieser Satz gilt für die Außenpolitik; für die Innenpolitik gilt er nicht minder.“

Der Reichskanzler hieß Adolf Hitler. Otto Wels hielt diese Rede am 23. März 1933, als er für die SPD die Ablehnung des „Gesetzes zur Behebung der Not von Volk und Reich“ (auch bekannt als Ermächtigungsgesetz) begründete. Eine interessante Rede über die gern gebrauchten Zitate hinaus, wie wir soeben ein wenig sehen konnten. Und daß der Vorsitzende der SPD im Angesicht des Untergangs meinte, solches festhalten zu müssen, sollte zu denken geben.

Geschichte wird häufig vom Ende her betrachtet, von ihren Ergebnissen. Zu ihrem Verständnis trägt das nicht sehr bei. Wie sehr bei den Menschen, die die Nationalsozialisten gewählt haben, eine Vorstellungskraft von deren krimineller Vernichtungsenergie bestehen konnte. Zweifelhaft.

In der Nacht auf den 10. November konnte man eine Ahnung davon bekommen. In der sogenannten Reichkristallnacht kommt es reichsweit zu organisierten Übergriffen gegen Juden und Orte jüdischen Lebens.

Über 1.400 Synagogen und andere Versammlungsräume wurden zerstört, indem man sie in der Regel in Brand steckte. Zahllose Geschäfte, Wohnungen und Friedhöfe wurden verwüstet. Polizei und Feuerwehr haben Weisung, nur nichtjüdisches Eigentum zu schützen. Ab dem 10. November wurden ungefähr 30.000 Juden inhaftiert, davon Hunderte ermordet, andere starben an den Folgen der Haft.

Aber wir sind bereits in dem Zeitraum, der auch heute noch allgemein erinnert wird. Einen verlorenen Krieg später ist Europa verwüstet, die Hälfte unter kommunistischer Gewaltherrschaft. Deutschlands Städte sind weitgehend zerstört, Millionen sind umgekommen, das Land ist amputiert, und was übrig ist geteilt.

Im westlichen Teil kommt es bald zu einem erstaunlichen wirtschaftlichen Wiederaufstieg. Ein geistig-moralischer Wiederaufbau bleibt merkwürdig in der Schwebe und eher kraftlos. Übrigens gab es damals Autoren, die sich energisch darum bemühten, Reinhold Schneider oder Rudolf Alexander Schröder etwa, um nur zwei Namen zu nennen, von denen bezeichnenderweise seit Jahrzehnten nichts mehr lieferbar ist. So hatte man dann auch wenig entgegenzusetzen, als man von einer Art Kulturrevolution getroffen wird; nur ein Schlaglicht:

Bei der feierlichen Amtseinführung des neuen Rektors der Hamburger Universität am 9. November 1967entfalten Studenten ein Transparent mit dem Spruch - Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren - der zu einem Symbol der 68er-Bewegung werden wird.

Und am 9. November 1989 fällt dann die Berliner Mauer: SED-Politbüromitglied Schabowski verkündet auf einer im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz die Gewährung der Reisefreiheit und stammelt auf die Frage nach dem Beginn der Regelung hervor: „Das tritt nach meiner Kenntnis… ist das sofort, unverzüglich“. Darauf werden die Grenzübergangsstellen überrannt, nicht nur in Berlin.

Man könnte fast auf den Gedanken kommen, der liebe Gott hätte das Gefühl gehabt, er habe in Bezug auf die Deutschen bei diesem Datum etwas gut zu machen.

Warum dieses scheinbar einfallslose Entlanghangeln an Daten? Nun, schon allein den Ereignissen nachzugehen, verschafft Einsichten.

Wenn man etwa in Geschichtsbüchern des 19. Jahrhunderts liest, darf man staunen lernen, wie sich Gewißheiten um 180 Grad drehen können. Wohin werden sich die heutigen irgendwann drehen?

Ich erinnere mich an ein Volksbuch deutscher Geschichte „Deutscher Bildersaal“, das mich als Kind ungemein beeindruckt hat, mit Abbildungen von völkerwandernden Goten, bösen Hexen, tapferen Rittern etc. etc., und an dessen Ende stand ein Gedicht auf das Jahr 1900, wie grandios sich alles jetzt vollenden würde. Nun ja.

Ich mag die Erwartung enttäuschen, ausführlicher über das zu sprechen, was auf diesen letzten 9. November folgte. Der Untergang des ostdeutschen Teilstaates, die Wiedervereinigung.

Ich habe daran zurückgedacht, wie wir, ein kleines Häuflein vor allem von Theologiestudenten, schon in den letzten Jahren vor '89 davon träumten, wie die Dinge wieder in Ordnung geraten könnten. Es waren sehr konservative Träume übrigens.

Wir wurden dann tatsächlich auch praktisch politisch tätig. Und Anfang der 90er hatten wir  wohl das Gefühl, die Welt sei wieder in den Fugen. Äußerlich sah sie so aus.

Ich habe ein wenig überlegt, woran dieser ostdeutsche Teilstaat eigentlich letztlich zugrunde gegangen ist. Gängig sind Sprüche wie, wenn die einen nicht mehr wollen und die anderen nicht mehr können. Aber was sagt das schon.

Jedes Gemeinwesen hat eine Art „Großer Erzählung“. Für die der DDR mochte am Ende niemand mehr seine Knochen hergeben. Was ist unsere „Große Erzählung“.

Da ich heute nicht zynisch sein mag, werde ich nicht sagen: Der NSU. Obwohl, offenbar braucht diese Republik die Bekämpfung des Rechtsradikalismus wie die Luft zum Atmen.

Was ist unsere „Große Erzählung“? Daß sich alles irgendwie ins Europäische selbst - erlösen und auflösen wird? Das war das, was mir seit Anfang der 90er begegnete, als unübersehbar wurde, daß das Deutschland, in das hinein man vereinigt war, sich als im Kern so völlig anders erwies als erwartet.

Ich erinnere mich an eine Begegnung am Rande einer dieser vielen ungemein wichtigen Parteiveranstaltungen, wo mir jemand mindestens ebenso wichtiges zu verstehen gab: „Wer nicht für den Euro ist, der ist nicht für den Frieden. Der will Krieg in Europa!“ Ich kannte das von früher ähnlich (Wer nicht für den Sozialismus ist, ist nicht für den Frieden). Jetzt jedenfalls sieht vieles nach einem Versailles ohne Krieg aus.

Sicherheiten, die vergangene Generationen hatten, sind zerbrochen, ausgehöhlt oder diskreditiert. Und bei der heute vorherrschenden Erzählung hat man oft das Gefühl, einem Surrogat zu begegnen, das die innere Leere betäuben soll, die unter uns um sich greift.

Wo bleibt das Positive am Ende. Ich habe nichts dergleichen vorzubringen. Ich weiß nicht, was der nächste 9. November sein wird. Doch kann ich vielleicht andeuten, was hilft: Skepsis zunächst. Das Vergleichen, z.B. der Sätze von heute mit denen von gestern und vorgestern (einfach einmal mehrere FAZ-Ausgaben nebeneinander legen). Und dann zu beobachten, wie sich der Kern des doch schon immer Gemeinten unmerklich verschiebt.

Keine Herdenmentalität! Auch wenn es da so gemütlich warm ist. Selbst denken, den erstarrten Gemeinplätzen mißtrauen. Einmal lesen, was den häufig zitierten Worten folgt oder voran geht. Und sich dann dennoch nicht von abgetanen Ressentiments in den Bann schlagen lassen (man darf auch einmal Mitleid mit den Briten von heute haben).

Möglichkeiten kommen meist plötzlich und unerwartet, also wach sein. Und ein gewisses Maß an Bildung mag auch helfen, wenn man die erste Verunsicherung darüber überwunden hat. Vor allem aber bleibt für immer wichtig zu wissen, woher man kommt.

Ich danke Ihnen.
nachgetragen am 14. November

Kommentare:

Morgenländer hat gesagt…

Lieber Martin,

ein schöner, nachdenklich stimmender Text, danke.

MartininBroda hat gesagt…

Danke. Das war alles ein Mix aus Konzept, handschriftlichen (im Zug vefaßten) Zusätzen und freier Improvisation. Ich wollte zuerst unbedingt etwas Positives am Ende sagen und hatte so zunächst keinen Schluß.

Als ich diesen Text zu rekonstruieren versuchte, kam er mir doch etwas dünn vor (beim Reden kann man so etwas ja ein wenig überspielen). Also freut mich der Zuspruch tatsächlich (abgesehen davon, daß die Herrschaften an dem Abend auch sehr freundlich waren).