Montag, 11. Januar 2016

C. G. Jung „Antwort auf Hiob“ - 2

William Blake, Satan schüttet die Plagen über Hiob aus

Es geht also weiter mit unserer kleinen Lesereise durch C. G. Jungs „Antwort auf Hiob“ (der vorige Beitrag findet sich hier und ein Einstieg dort). Wir wollen uns diesmal vorrangig der Erzählung und ihren Seltsamkeiten widmen.

Die Erzählung 

Wir setzen den Inhalt des alttestamentlichen Buches als bekannt voraus, gleichwohl sei die Ausgangssituation skizziert: Gott lobt (selbstgefällig?) seinen treuen und wohlhabenden Diener Hiob gegenüber seinem (ja was eigentlich? Sohn? Engel?) jedenfalls offenkundigen Vertrauten Satan. Dieser unterstellt, Hiob würde sich schnell ändern, sollten sich dessen Verhältnisse ändern. Satan schlägt eine Prüfung vor. Und siehe da, Gott beraubt ihn seines Besitzes, erschlägt seine Kinder und Knechte, schlägt ihn am Ende mit Krankheit, nur am Leben müsse er bleiben. (Warum eigentlich? Neugier? Restskrupel? Wir wissen es nicht). Hiob aber bleibt standhaft: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“.

„Um ihm auch die Ruhe zu rauben, werden seine Frau und gute Freunde, die das Unrichtige reden, auf ihn losgelassen. Seine berechtigte Klage findet kein Ohr bei dem um seiner Gerechtigkeit willen gepriesenen Richter. Das Recht wird ihm verweigert, damit Satan bei seinem Spiel nicht gestört werde.“

Man müsse sich Rechenschaft darüber geben, daß sich hier in kürzester Frist dunkle Taten häuften: Raub, Mord, vorsätzliche Körperverletzung und Rechtsverweigerung. Erschwerend komme dabei in Betracht, daß Jahwe keinerlei Bedenken, Reue oder Mitgefühl, sondern nur Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit bekunde. Die Einrede der Unbewußtheit könne man insofern nicht gelten lassen, als er mindestens drei von den von ihm selber auf dem Sinai erlassenen Geboten in flagranter Weise verletzte.

Zu seiner Qual steuerten Hiobs Freunde nach Kräften moralische Torturen bei und anstatt ihm wenigstens mit Herzenswärme beizustehen, moralisierten sie in allzu menschlicher, das heißt stumpfsinniger Weise und beraubten ihn so aller Anteilnahme und allen Verständnisses.

Hiob aber bleibt gegen alle Anwürfe standhaft und behauptet sein Recht, aber wem gegenüber eigentlich?

„Sein Freund Elihu glaubt nicht an die Ungerechtigkeit Jahwes: 'Gott tut nicht Unrecht, und nicht verdreht der Allmächtige das Recht', und begründet diese Ansicht unlogischerweise mit dem Hinweis auf die Macht; man wird zum König auch nicht sagen: 'Du Nichtswürdiger' und 'Du Gottloser' zu den Edlen. Man müsse 'die Person der Fürsten ansehen' und 'des Hohen mehr achten als des Niederen'.

Auf Elihu antwortet Hiob schon nicht mehr, anderen „Freunden“ hatte er es noch, in bemerkenswerter Weise, wie Jung anmerkt:

„Aber Hiob lässt sich nicht erschüttern und spricht ein bedeutendes Wort: 'Schon jetzt, siehe, lebt im Himmel mir ein Zeuge, mir ein Mitwisser in der Höhe … zu Gott blickt tränend auf mein Auge, daß er Recht schaffe dem Manne gegen Gott', und an anderer Stelle: 'Ich aber weiß: mein Anwalt lebt, und ein Vertreter ersteht (mir) über dem Staube.'“

Eine kleine Beobachtung und ein Einwand gegen Jungs Vorwurf, Jahwe würde gegen seine eigenen Gesetze verstoßen. Nun, sich selbst hat er sie ja auch nicht gegeben, und Elihu ist der Grundsatz, daß der König über dem Gesetz stehe, noch durchaus geläufig, in seiner Logik geschieht also nichts Ungewöhnliches.

Hiobs Zwiespalt

Doch Hiobs Antwort wird uns noch länger beschäftigen. Aus ihr ginge hervor, daß er, trotz seines Zweifels, ob ein Mensch vor Gott Recht haben könne, nur schwer von dem Gedanken loskäme, auf dem Boden des Rechtes, und damit der Moral, Gott gegenüberzutreten. Das Wissen, daß göttliche Willkür das Recht beuge, falle ihm nicht leicht, denn er mag seinen Glauben an die göttliche Gerechtigkeit noch immer nicht aufgeben.

Aber andererseits müsse er sich gestehen, daß niemand anders ihm Unrecht und Gewalt antue, als eben Jahwe selber. Er könne nicht leugnen, daß er sich einem Gott gegenüber befinde, der keine für sich verbindliche Ethik anerkenne.

„Das ist wohl das Größte in Hiob, daß er angesichts dieser Schwierigkeit nicht an der Einheit Gottes irre wird, sondern klar sieht, daß Gott sich in Widerspruch mit sich selber befindet und zwar dermaßen total, daß er, Hiob, gewiß ist, in Gott einen Helfer und Anwalt gegen Gott zu finden. So gewiß ihm das Böse, so gewiß ist ihm auch das Gute in Jahwe.“

Für solche Erkenntnisse ist es eigentlich noch zu früh, denn was geschieht? Die Freunde erheben ihre Vorwürfe und Hiob verlangt von Jahwe eine Benennung der Verfehlung, für die er büßen muß, obwohl er weiß:

„Wenn er sich schon reinigte, so würde Jahwe ihn 'in Unrat tauchen... Denn er ist nicht ein Mensch, wie ich, daß ich ihm erwiderte, daß wir zusammen vor Gericht gingen.' Hiob will aber seinen Standpunkt vor Jahwe erklären, seine Klage erheben und sagt ihm, er wisse ja, daß er, Hiob, unschuldig sei, und daß ihn 'niemand errettet aus seiner Hand'. Es 'gelüstet' ihn, 'mit Gott zu rechten'. Er will ihm seine Wege 'ins Angesicht dartun'. Er weiß, dass er 'im Rechte' ist. Jahwe sollte ihn vorladen und ihm Rede stehen oder ihn wenigstens seine Klage vorbringen lassen.“

In richtiger Einschätzung des Mißverhältnisses zwischen Gott und Mensch stelle er ihm die Frage: „Willst du ein verwehtes Blatt erschrecken und einen dürren Halm verfolgen?“ Gott habe sein „Recht gebeugt“. Er habe ihm sein „Recht genommen“. Er achte nicht des Unrechtes. „... bis ich verscheide, beharre ich auf meiner Unschuld. An meiner Gerechtigkeit halte ich fest und lasse sie nicht.“

Ein Ende, das Verwirrung stiftet

Überraschend erscheint Jahwe – mit einer Demonstration seiner Macht! Und Hiob verspricht erschrocken Schweigen. Jung kommentiert Hiobs Antwort auf die göttliche Machtdemonstration so:

„In der Tat, im unmittelbaren Anblick unendlicher Schöpferkraft ist dies für einen Zeugen, dem der Schreck beinahe völliger Vernichtung noch in allen Gliedern liegt, die einzig mögliche Antwort. Wie könnte ein im Staub kriechender, halbzertretener Menschenwurm unter den obwaltenden Umständen überhaupt vernünftigerweise anders antworten? Trotz seiner erbärmlichen Kleinheit und Schwäche weiß dieser Mensch, dass er einem übermenschlichen Wesen, das persönlich äußerst empfindlich ist, gegenübersteht und darum auf alle Fälle besser daran tut, sich aller kritischen Überlegungen zu enthalten, nicht zu sprechen von gewissen moralischen Ansprüchen, die man auch einem Gotte gegenüber glaubt haben zu dürfen.“

Jahwe wird ersichtlich nicht von Gewissensbissen geplagt. Es kommt lediglich zu einer Machtdemonstration, die ins Leere geht. Denn an Gottes Allmacht hatte Hiob ja nun gerade nicht gezweifelt, und zudem wirkt Jahwes Rede, als würde er mit einem ebenbürtigen Widersacher ringen. Hiob erkennt, daß Jahwe ihn gar nicht wirklich bemerkt, sondern offenkundig mit sich selbst stark beschäftigt ist und einen grotesken Zweikampf imaginieren muß.

Hiob widerruft und unterwirft sich mit den interpretationsoffenen Worten: „Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört; nun aber hat dich mein Auge gesehen.“

„Klugerweise nimmt Hiob hier die aggressiven Worte Jahwes auf und legt sich damit unter dessen Füße, wie wenn er tatsächlich der besiegte Gegenspieler wäre. So eindeutig seine Rede klingt, so doppelsinnig kann sie ebenso wohl sein. Ja, wirklich hat er seine Lektion gelernt und 'wunderbare Dinge' erlebt, die man nicht allzu leicht zu begreifen vermag. In der Tat, 'vom Hörensagen' bloß hat er Jahwe gekannt, jetzt aber hat er dessen Wirklichkeit erfahren, mehr noch als David; eine wahrhaft eindringliche Lehre, die man besser nicht mehr vergißt.“

Jung läßt noch einmal Hiobs voriges Gottesbild Revue passieren, das sich soeben hart an der Wirklichkeit stieß:

„Er war früher naiv gewesen, hatte vielleicht sogar von einem 'lieben' Gott geträumt oder einem wohlwollenden Herrscher und gerechten Richter; hatte sich eingebildet, ein 'Bund' sei eine Rechtsfrage, und ein Vertragspartner könne auf einem ihm zugestandenen Rechte bestehen; Gott sei wahrhaft und treu oder zum mindesten gerecht und habe, wie man aus dem Dekalog vermuten dürfte, einige Anerkennung für gewisse ethische Werte, oder fühle sich wenigstens seinem eigenen Rechtsstandpunkt verpflichtet. Er hat aber zu seinem Schrecken gesehen, daß Jahwe nicht nur kein Mensch, sondern in gewissem Sinne weniger als ein Mensch ist, nämlich das, was Jahwe vom Krokodil sagt:

'Alles, was hoch ist, fürchtet sich vor ihm;
er ist ein König über alle stolzen Tiere.'“

Warum die Qualen Hiobs und das göttliche Wettespielen plötzlich zu Ende kommen, sei nicht leicht ersichtlich, so Jung.

Tatsächlich schlägt der Schluß ja noch weit absurdere Purzelbäume. Gut, Hiob hatte sich unterworfen, aber lassen wir den Text des Hiobbuches (Kap. 42, 7 – 10, 16f.) selbst zu Wort kommen:

„Da nun der Herr mit Hiob diese Worte geredet hatte, sprach er zu Eliphas von Theman: Mein Zorn ist ergrimmt über dich und deine zwei Freunde; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.
So nehmt nun sieben Farren und sieben Widder und geht hin zu meinem Knecht Hiob und opfert Brandopfer für euch und laßt meinen Knecht Hiob für euch bitten. Denn ich will ihn ansehen, daß ich an euch nicht tue nach eurer Torheit; den ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.
Da gingen hin Eliphas von Theman, Bildad von Suah und Zophar von Naema und taten, wie der Herr ihnen gesagt hatte; und der Herr sah an Hiob.
Und der Herr wandte das Gefängnis Hiobs, da er bat für seine Freunde. Und der Herr gab Hiob zwiefältig so viel, als er gehabt hatte

Und Hiob lebte nach diesem hundert und vierzig Jahre, daß er sah Kinder und Kindeskinder bis ins vierte Glied. Und Hiob starb alt und lebenssatt.“

Den Schluß muß man in der Tat 3 Mal lesen. Die vermeintlich frommen Freunde Hiobs werden getadelt, warum, bleibt offen etc. etc. Der Dichter des Hiob-Buches beweise meisterhafte Diskretion, wenn er in diesem Moment den Vorhang vor dem Geschehen fallen lasse, denn:

„Zuviel nämlich steht auf dem Spiele: es droht ein ungewöhnlicher Skandal in der Metaphysik mit vermutlich verheerenden Folgen, und niemand ist mit einer rettenden Formel bereit, um den monotheistischen Gottesbegriff vor einer Katastrophe zu bewahren...“

wird fortgesetzt


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