Dienstag, 12. Januar 2010

Emily Dickinson - neue Übersetzungen


Emily Dickinson

After great pain
a formal feeling comes

After great pain a formal feeling comes --
The Nerves sit ceremonious, like Tombs;
The stiff Heart questions 'was it He that bore'
And 'Yesterday, or 'Centuries before'?

The Feet, mechanical, go round —
A Wooden way
Of Ground, or Air, or Ought —
Regardless grown,
A Quartz contentment, like a stone.

This is the Hour of Lead —
Remembered, if outlived,
As freezing persons, recollect the Snow --
First, Chill — then Stupor — then the letting go —


Nach großem Schmerz,
Gefühl verflacht zu Form

Diese Übersetzung ist Dr. Jyothi Jayaraman gewidmet

Nach großem Schmerz, Gefühl verflacht zur Form —
die Nerven sitzen steif, wie Grabesnorm;
das starre Herz fragt: War es 'Er, der trug'?
Und gestern — oder im Jahrhundertflug?

Der Fuß, mechanisch, geht im Rund —
des Holzwegs Pfad —
von Pflicht, von Brauch, von Grund —
gewachsen drein —
ein steinernes Zufriedensein.

Von Blei ist solche Stund' —
erlebt, falls überlebt,
wie Frierende den Schnee erfassen —
Erst Frost — dann Starre — dann das Fallenlassen —

Translation by /
Übersetzung von Walter A. Aue

Prof. Aue hat mich gestern dran erinnert, daß er einige Gedichte von Emily Dickinson neu übersetzt hat, mit der Bemerkung, je mehr er von ihr lesen würde desto größer würde seine Achtung vor ihrer Poesie. Dieses Gedicht, dessen Übersetzung mich besonders beeindruckte, das Original selbstredend ebenso, habe ich für diesen Platz ausgewählt, ich wollte das eigentlich schon gestern tun, wurde umständehalber daran aber etwas gehindert. Die anderen von ihm übersetzten Gedichte findet man, wenn man diesem Link folgt.

Etwas anderes, was mich nicht eben erfreuen kann. Er hatte dergleichen zwar angedeutet, doch ich hatte ich in der Tat dann völlig übersehen, daß er jetzt ernst gemacht hat und seine beeindruckende Sammlung mit dem zurückliegenden Jahreswechsel für abgeschlossen erklärte – „Walter A. Aue: Adieu an meine Leser (Ein halbherziges Dementi)“. Ich muß gestehen, es fällt mir schwer, mit dergleichen umzugehen. Wenn ich etwas einmal liebgewonnen habe und vertrauter geworden bin, dann klebe ich ziemlich daran und tue mich schwer mit Veränderungen, auch wenn ich die Gründe vielleicht nachvollziehen kann. Ich werde dazu sicher noch einmal etwas schreiben, nur nicht heute.

Ein letztes. Rechts oben finden sich ein Bild und eine Bemerkung, die für diesen Ort ungewöhnlich sind. Wenn man dem Bild folgt, stößt man auf den Blog von Ryan, einem jungen Mann aus Florida, über den man eine Menge freundlicher Dinge sagen könnte, doch heute nur soviel, sein jüngerer Bruder liegt nach einem Unfall im Koma und er schrieb:

„I think with the power of prayer it will help my Brother. Please if you could put this on your website or blog and ask your followers to say a little prayer for Tyler.”

Also habe ich es gemacht.

Kommentare:

valerie melichar hat gesagt…

Hallo!
Kürzlich habe ich selbst einen Versuch unternommen, dieses Gedicht ins Deutsche zu übertragen. Meine Fassung ist wirklich ganz anders geworden, daher habe ich mit großem Interesse die hier veröffentlichte Übersetzung von Prof. Aue gelesen – vielen Dank dafür!
Herzliche Grüße,
Valerie Melichar

http://speculoosconjecture.blogspot.co.at/2014/11/the-hour-of-lead.html

MartininBroda hat gesagt…

Ich hoffe, Sie werden mich nicht falsch verstehen. Erst einmal beachten Sie bitte meine Verblüffung, daß Sie die Übersetzung Ihres Landsmannes (sozusagen) über mich fanden.

Und dann haben Sie mir gewissermaßen auch noch ein schlechtes Gewissen verschafft (nein, nicht die Pein, alte Beiträge ertragen zu müssen). Ich bin nämlich erstens denkfaul und zweitens daher u.a. des Englischen nur ahnungsweise mächtig.

Also habe ich mir die beiden Versionen nebeneinandergelegt und, ja, was schon, gelesen, und noch mal gelesen und noch einmal (und kaum miteinander verglichen). Und da ist mir, natürlich nur stückweise aufgegangen, was für eine Mühe sich der Herr Prof. da gemacht hat und wieviel Glück er auch dabei hatte.

Ich weiß, daß Ihre Version respektiert ist. Übrigens finde ich Ihre Eingangszeile wirklich gelungen, nicht, daß das etwas zu bedeuten hätte (siehe oben). Aber er hat sich ja nun auch noch den Reim auferlegt.

Der Rilkesche Ton, der, der (noch) in den Abendnachrichten bei Herbsteintritt gelegentlich zitiert wird, ist mir erst heut so recht aufgegangen, spätestens im letzten Vers, und dabei auch die fast physiologische Genauigkeit, die Rilke bei all seinen Engeln und Räumen ja nun auch einmal besitzt. Und offenkundig nicht nur er.

Aber ohne den Reim wird es natürlich härter, heutiger, greifbarer, und dadurch nicht weniger wahr.

Ich glaube nicht, daß Dichtung, stellvertretend gesprochen, nur die Stellung des Schaukelanstoßers hat, und einmal in Bewegung gebracht, denken wir uns unseren Teil oder fühlen irgendwas, und das ist dann auch noch bei jedem verschieden. Der eine hat seine Angstfreude und die andere sieht sich schon als Vogel entschwinden, womöglich noch in dem Irrglauben, daß der ein besseres Los hätte, nur weil die Luft leichter erscheint.

Wie auch immer. Vielen Dank für Ihre Nachricht und Ihre Übersetzung, ich werde letztere noch weiter lesen.