Samstag, 14. Mai 2016

C. G. Jung „Antwort auf Hiob“ - 6

Carl Gustav Jung, hier gefunden

Nebensächliche Einführung

Unsere Hausfrisörin fragte mich neulich, was Pfingsten eigentlich sei (sie konnte mir sogar die Bestimmung des Ostertermins erklären, das nur zur Einordnung). Man stammelt dann natürlich etwas von der Herabkunft des Heiligen Geistes, was die Sache nicht leichter macht. Ich will den Rest gar nicht weiter ausführen, denke auch nicht, daß ich wirklich helfen konnte, merkte noch meine gewisse Reserviertheit bei dem Thema an. Aber da Pfingsten nun wirklich bevorsteht, war der Ehrgeiz geweckt, für zukünftige Eventualitäten.

Wonach greift man? Vor allem, wenn die traditionelle religiöse Sprache nahezu unverständlich geworden ist. Paul Tillich, dessen Ruhm etwas verblaßt ist, fühlte sich erkennbar als ein Schleiermacher des 20. Jahrhunderts (und tat es ihm bis in den Stil hinein nach). Sein Anliegen, die Substanz des Christentums in einer anderen, existenziellen oder auch philosophischen Sprache auszusprechen, birgt eine gewisse Faszination. Und dann erinnerte ich mich dunkel, daß bei ihm viel von Geist die Rede war.

Es ist kurios, seit meinen jüngeren Tagen bin ich ihm mit einer Mischung aus Neugier und Mißtrauen entgegengetreten (vielleicht doch nur ein luftiger Scharlatan) und trifft dann auf Sätze wie nachfolgende (muß ich früher wohlwollend überlesen haben) und ist erst einmal im Grundsatz kuriert.

 "Aber man kann dem ewigen logos an sich nicht das Antlitz Jesu von Nazareth  oder das Gesicht des geschichtlichen Menschen oder irgendeiner anderen Manifestation des schöpferischen Seinsgrundes geben. Was man sagen muß, ist, daß für den geschichtlichen Menschen das Antlitz Gottes im Antlitz Jesu als des Christus offenbar ist. Die trinitarische Manifestation des göttlichen Grundes ist christo-zentrisch für den Menschen, aber sie ist keinesfalls Jesu-zentrisch für das Universum. Der Gott, der in den trinitarischen Symbolen geschaut und angebetet wird, hat seine Freiheit nicht verloren, sich für andere Welten auf andere Weise zu offenbaren." (Paul Tillich, Systematische Theologie Bd. 3, S. 332)

Dann lieber C. G. Jung. Der hat auch überraschende Einsichten, tritt aber wenigstens nicht mit theologischem Anspruch auf. Meine Reihe zu seinem Hiob-Büchlein ist unfertig, und da geht es am Ende auch sehr um den Heiligen Geist. Wir werden sehen, wie weit wir kommen. (Man findet übrigens auf der rechten Seite weiter unten unter seinem Porträt einen Verweis auf meine bisherigen Beiträge zu ihm.)

Rückschau

Wir erinnern uns, Jung sah in den Aussagen der Heiligen Schrift als Psychoanalytiker zuerst seelische Tatsachen. Diese gingen zunächst immer über unseren Kopf hinweg, indem sie auf bewußtseinstranszendente Wirklichkeiten verwiesen. Sie hätten eine gewisse Autonomie und deren Erzählung wolle er wiedergeben. Salopp gesagt handelt sie davon, wie Gott sich seiner bewußt und so erwachsen wird.

In meinem folgenden Beitrag ging ich dann auf die bekannte Erzählung ein, wie Gott Hiob für seinen Glauben und Lebenswandel lobt, von seinem Vertrauten Satan darauf zu einer verhängnisvollen Wette überredet wird, in deren Folge er in Elend und Krankheit stürzt, Kinder und Knechte erschlagen werden, Hiob aber standhaft bleibt. Frau und Freunde machen ihm noch dazu Vorhaltungen, seine berechtigte Klage bleibt ungehört.

Jung wendet ein, welch dunkle Taten sich hier häuften, bei denen Jahwe keinerlei Bedenken oder Reue zeige, sondern nur Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit bekunde, während er seine eigenen Gebote in flagranter Weise verletzte.

Hiob aber bleibt gegen alle Anwürfe standhaft und behauptet sein Recht, er ruft Gott gegen Gott zu Hilfe. Er mag seinen Glauben an die göttliche Gerechtigkeit nicht aufgeben, weiß aber, daß niemand anders ihm Unrecht und Gewalt antue, als eben Jahwe selber. Hiob sehe, daß Gott sich in Widerspruch mit sich selber befinde.

Gott hat sein Recht gebeugt und er will wenigstens dies ihm ins Angesicht sagen. Was folgt ist eine überraschende göttliche Machtdemonstration und Hiob verstummt vor ihm. Jahwe kämpft nicht mit seinem Gewissen, sondern sieht merkwürdigerweise seine Allmacht in Frage gestellt, aber an der hatte Hiob ja nun gerade nicht gezweifelt. Hiob widerruft, er hat genug gesehen.

Jung beschreibt Hiobs erschüttertes Gottesbild so, daß dieser naiverweise zuvor geglaubt hatte, ein Bund binde beide Seiten und ein Vertragspartner könne auf dem ihm zugestandenen Recht bestehen, Gott sei zum mindesten gerecht und fühle sich seinen eigenen Geboten verpflichtet. Er habe aber zu seinem Schrecken gesehen, daß Jahwe nicht nur kein Mensch, sondern in gewissem Sinne weniger als ein Mensch sei, nämlich eine Naturgewalt.

Der Schluß verblüfft dann: Die Wette ist beendet. Hiob erfährt reichlich „materielle“ Genugtuung. Die tadelnden Freunde werden zurechtgewiesen, „denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob“(!). Irgendetwas Merkwürdiges muß in der Tat geschehen sein, Jung sieht den „monotheistischen Gottesbegriff vor einer Katastrophe“.

Ein Gott auf der Couch

Jung analysiert nun, was er sieht und verweist auf die „vielerlei Zeugnisse“ im Alten Testament, welche das Bild eines Gottes zeichnen, „der maßlos war in seinen Emotionen und an eben dieser Maßlosigkeit litt... Einsicht bestand neben Einsichtslosigkeit, wie Güte neben Grausamkeit und wie Schöpferkraft neben Zerstörungswillen. Es war alles da, und keines hinderte das andere.“

Ein derartiger Zustand sei nur denkbar entweder ohne ein reflektierendes Bewußtsein oder wenn die Reflexion ein bloß ohnmächtig Mitvorkommendes darstelle. Ein solcher Zustand könne nur als amoralisch bezeichnet werden.

[Ein Einwand: Es existieren allerdings im AT auch hinreichend Zeugnisse von Gottes frühem Langmut, erinnert sei an die Geschichte von Sodom und Gomorrah, nur macht das die Sache bloß komplexer, widerlegt ist Jung damit nicht.]

In einem Menschen, der uns Böses antue, könnten wir nicht zugleich den Helfer erwarten. Jahwe aber sei kein Mensch, er sei Verfolger und Helfer in einem. Jahwe sei nicht gespalten, sondern eine Antinomie, eine totale innere Gegensätzlichkeit, die unerläßliche Voraussetzung seiner ungeheuren Dynamik, seiner Allmacht und Allwissenheit. Aus dieser Erkenntnis heraus halte Hiob daran fest, ihm „seine Wege darzutun“, ihm seinen Standpunkt klar zu machen, denn ungeachtet seines Zornes sei er sich selber gegenüber auch der Anwalt des Menschen, der eine Klage vorzubringen habe.

Jung beschreibt nochmals die seelische Physiognomie Jahwes. „Die unberechenbaren Launen und verheerenden Zornanfälle Jahwes waren aber seit alters bekannt. Er erwies sich als eifersüchtiger Hüter der Moral; insbesondere war er empfindlich in bezug auf Gerechtigkeit. Er mußte daher stets als 'gerecht' gepriesen werden, woran... ihm nicht wenig lag. Dank... dieser Eigenart hatte er distinkte Persönlichkeit, die sich von der eines mehr oder weniger archaischen Königs nur durch den Umfang unterschied.“

Der Persönlichkeitstypus, den Jungs sieht, ist der eines archaischen Menschen, genauer Herrschers, machtbewußt, amoralisch, willkürhaft. Nur eben mit unendlich gesteigerter Macht. Dazu gehört das Abverlangen von Loyalität. Denn Jahwe ist nicht nur ein amoralischer, er ist auch ein einsamer Gott.

„Sein eifersüchtiges und empfindliches Wesen, das mißtrauisch die treulosen Herzen der Menschen und ihre heimlichen Gedanken durchforschte, erzwang ein persönliches Verhältnis zwischen ihm und dem Menschen, der nicht anders konnte, als sich persönlich von ihm angerufen zu fühlen.“

War das Erwachen des Religiösen im Menschen zuerst ein Phänomen von Überwältigung durch eine numinose Macht, der man sich unterwirft, vor der man sich schützt, mit der man sogar in Verbindung treten wollte, um einen Verbündeten zu gewinnen...?

Jung sieht: Jahwe ist auffällig anders als seine Götterkollegen. Er vergleicht ihn mit dem „allwaltenden Vater Zeus, der wohlwollend und etwas detachiert die Ökonomie der Welt auf altgeheiligten Bahnen abrollen ließ und nur das Unordentliche bestrafte. Er moralisierte nicht, sondern waltete instinkthaft. Von den Menschen wollte er nichts als die ihm gebührenden Opfer; mit ihnen wollte er schon gar nichts, denn er hatte keine Pläne mit ihnen. Vater Zeus ist zwar eine Gestalt, aber keine Persönlichkeit. Jahwe dagegen lag es an den Menschen. Sie waren ihm sogar ein Anliegen erster Ordnung. Er brauchte sie, wie sie ihn brauchten, dringlich und persönlich.“

Nach Jung waren die Menschen des frühen Altertums von ihren archaischen Göttern derlei Launen gewohnt, bei Jahwe war es insofern anders, als in der religiösen Beziehung eine persönlich moralische Bindung hinzutrat.

„Der Interlocutor... weiß, was er zu hören bekäme, wenn er der bedauernswerte Rechtsbrecher wäre. Er muß sich, weil es sonst lebensgefährlich für ihn würde, auf das höhere Niveau der Vernunft zurückziehen und erweist sich damit, ohne es zu wissen und zu wollen, als dem göttlichen Partner in intellektueller sowohl als moralischer Hinsicht leise überlegen. Jahwe merkt es nicht, daß er 'behandelt' wird, so wenig wie er versteht, warum er anhaltend als gerecht gepriesen werden muß.“

„So laut seine Macht durch die kosmischen Räume dröhnt, so schmal ist die Basis ihres Seins, das nämlich einer bewußten Widerspiegelung bedarf, um wirklich zu existieren. Gültig ist das Sein natürlich nur, wo es jemandem bewußt ist.“

Der hieraus sichtbar werdende Charakter passe zu einer Persönlichkeit, die nur vermöge eines Objektes sich ein Gefühl eigener Existenz verschaffen könne. Die Abhängigkeit vom Objekt sei absolut, wenn das Subjekt keinerlei Selbstreflexion und damit auch keine Einsicht in sich selbst besitze.

Moralität setze Bewußtsein voraus. Jahwe aber sei jede Eigenschaft in ihrer Totalität, also unter anderem die Gerechtigkeit schlechthin, aber auch das Gegenteil, und dies ebenso vollständig.

Der Mensch habe einen Vorteil, er besitze wegen seiner Kleinheit, Schwäche und Wehrlosigkeit dem Mächtigen gegenüber ein etwas schärferes Bewußtsein auf Grund der Selbstreflexion. Letzterer bedürfe dieser Vorsicht nicht, denn nirgends stoße er auf jenes unüberwindliche Hindernis, das ihn zum Zögern und damit zur Selbstreflexion veranlassen könnte.

Jahwe begehrt den Menschen. Das verleihe diesem beinahe göttliches Gewicht. Die zwiespältige Haltung Jahwes versetze ihn aber in eine geradezu unmögliche Situation: einerseits benähme sich Jahwe unvernünftig nach dem Vorbild von Naturkatastrophen und ähnlichen Unabsehbarkeiten, andererseits wolle er geliebt, geehrt, angebetet und als gerecht gepriesen werden.

Einem derartigen Gotte könne sich der Mensch nur mit Furcht und Zittern unterwerfen, ein Vertrauensverhältnis aber erscheine dem modernen Empfinden als völlig ausgeschlossen. Eine moralische Genugtuung gar sei von Seiten eines derart unbewußten Naturwesens nicht zu erwarten, jedoch sei sie Hiob geschehen.

Hiob gewinne also in der Konfrontation mit Jahwe eine Bewußtheit, die ihn diesem gegenüber in den Vorteil bringe. Unbewußtheit sei tierisch-naturhaft. Es sei das Benehmen eines vorzugsweise unbewußten Wesens, das man nicht moralisch beurteilen könne: „Jahwe ist ein Phänomen und 'kein Mensch'.“

„Hiob erkennt die innere Antinomie Gottes, und damit erlangt das Licht seiner Erkenntnis selber göttliche Numinosität. Die Möglichkeit einer derartigen Entwicklung beruht, wie zu vermuten, auf der Gottebenbildlichkeit, die man wohl kaum in der Morphologie des Menschen suchen darf.“

Jung sieht Jahwe also in einer beginnenden Persönlichkeitskrise, die ihm ein Schicksal hätte bereiten können, wie es den griechischen Göttern beschieden war. Wozu es bekanntlich nicht kam.

„Der unbewußte Geist des Menschen sieht richtig, auch wenn der bewußte Verstand geblendet und ohnmächtig ist: das Drama hat sich für alle Ewigkeit vollendet: Jahwes Doppelnatur ist offenbar geworden, und jemand oder etwas hat sie gesehen und registriert. Eine derartige Offenbarung, ob sie nun zum Bewußtsein der Menschen gelangte oder nicht, konnte nicht ohne Folgen bleiben.“

Das Erscheinen der Weisheit Gottes

Voranschreitend in der Zusammenfassung des bisher Geschriebenen: Jung sieht das Hiobbuch zeitlich nah zu den sogenannten Sprüchen Salomos (4. - 3. Jahrhundert) zustande gekommen. In letzteren begegneten wir einem Symptom griechischen Einflusses, der das jüdische Gebiet erreicht hat. „Es ist die Idee der Σοφία oder Sapientia Dei, eines coaeternen, der Schöpfung praeexistenten, annähernd hypostasierten Pneuma weiblicher Natur: ... (Spr. VIII, 22 ff.).“

Gott entdeckt also die Weisheit, wieder: „(Es) wird... ruchbar, was geschehen ist: er hat sich eines weiblichen Wesens, das ihm nicht minder gefällig ist als den Menschen, erinnert, einer Freundin und Gespielin seit der Urzeit, eines Erstlings aller Gottesgeschöpfe, eines fleckenlosen Abglanzes seiner Herrlichkeit von aller Ewigkeit her und einer Werkmeisterin der Schöpfung, seinem Herzen näher verwandt und vertraut als die späten Nachfahren des sekundär geschaffenen, mit der Gottesimago geprägten Protoplasten (Urmensch). Es ist wohl eine dira necessitas, welche den Grund zu dieser Anamnesis der Sophia bildet: es konnte nicht mehr so weitergehen wie bisher; der 'gerechte' Gott konnte nicht mehr selber Ungerechtigkeiten begehen und der 'Allwissende' sich nicht mehr so verhalten, wie ein ahnungs- und gedankenloser Mensch. Selbstreflexion wird zur gebieterischen Notwendigkeit, und dazu braucht es Weisheit: Jahwe muss sich seines absoluten Wissens erinnern.

Denn, wenn Hiob Gott erkennt, dann muß auch Gott sich selber erkennen. Es konnte nicht sein, daß aller Welt Jahwes Doppelnatur ruchbar wurde und nur ihm selber verborgen blieb. Wer Gott erkennt, wirkt auf ihn. Das Scheitern des Versuches, Hiob zu verderben, hat Jahwe gewandelt.“

Weisheitssprüche und apokalyptische Mitteilungen deuteten auf metaphysische Erkenntnisakte, auf konstellierte unbewußte Inhalte, die bereit seien, ins Bewußtsein durchzubrechen. „In allem ist, wie schon gesagt, Sophias hilfreiche Hand am Werke.“

Vor dem Wiederauftreten der Sophia falle auf, daß sein Handeln von einer inferioren Bewußtheit begleitet sei. Immer wieder vermisse man die Reflexion und die Bezugnahme auf das absolute Wissen. Seine Bewußtheit scheine nicht viel mehr als eine primitive „awareness“ zu sein. Man könne den Begriff mit „bloß wahrnehmendes Bewußtsein“ umschreiben. Awareness kenne keine Reflexion und keine Moralität. Man nehme bloß wahr und handele blind. „Heutzutage würde man einen solchen Zustand psychologisch als 'unbewußt'« und juristisch als 'unzurechnungsfähig' bezeichnen.“

Daß das Bewußtsein keine Denkakte vollziehe, beweise nicht, daß solche nicht vorhanden seien. Sie verliefen bloß unbewußt und machten sich indirekt bemerkbar in Träumen, Visionen, Offenbarungen und „instinktiven“ Bewußtseinsveränderungen, aus deren Natur man erkennen könne, daß sie von einem „unbewußten“ Wissen herrührten und durch unbewußte Urteilsakte und Schlüsse zustande gekommen seien.

Das Verhalten Jahwes verändere sich. „Es ist wohl nicht daran zu zweifeln, daß ihm die moralische Niederlage, die er sich Hiob gegenüber zugezogen hat, zunächst nicht zum Bewußtsein gekommen war. In seiner Allwissenheit stand diese Tatsache allerdings schon seit jeher fest, und es ist nicht undenkbar, daß dieses Wissen ihn unbewußt allmählich in die Lage gebracht hat, so unbedenklich mit Hiob zu verfahren, um durch die Auseinandersetzung mit letzterem sich etwas bewußt zu machen und eine Erkenntnis zu gewinnen.“

Wie immer, wenn ein äußeres Ereignis an ein unbewußtes Wissen rühre, könne letzteres bewußt werden. Etwas derartiges müsse mit Jahwe geschehen sein. Die Überlegenheit Hiobs könne nicht mehr aus der Welt geschafft werden. Damit sei eine Situation entstanden, die nun wirklich des Nachdenkens und der Reflexion bedürfe. Aus diesem Grunde greife Sophia ein. Sie unterstütze die nötige Selbstbesinnung und ermögliche dadurch den Entschluß Jahwes, nun selber Mensch zu werden. Damit falle eine folgenschwere Entscheidung: er erhebe sich über seinen früheren primitiven Bewußtseinszustand, indem er indirekt anerkenne, daß der Mensch Hiob ihm moralisch überlegen sei und daß er deshalb das Menschsein noch nachzuholen habe.

Gott will Mensch werden

Jahwe müsse Mensch werden, denn diesem habe er Unrecht getan. Er, als der Hüter der Gerechtigkeit, wisse, daß jedes Unrecht gesühnt werden müsse, und die Weisheit wisse, daß auch über ihm das moralische Gesetz walte. „Weil sein Geschöpf ihn überholt hat, muß er sich erneuern.“

„Es sind eigentlich erst die sorgfältigen und vorausschauenden Vorbereitungen zur Geburt Christi, welche erkennen lassen, daß die Allwissenheit anfängt, einen nennenswerten Einfluss auf Jahwes Handeln zu gewinnen.“

Die Annäherung der Sophia bedeute neue Schöpfung. Diesmal solle aber nicht die Welt geändert werden, sondern Gott wolle sein eigenes Wesen wandeln. Die Menschheit solle nicht, wie früher, vernichtet, sondern gerettet werden. Man erkenne in diesem Entschluß den menschenfreundlichen Einfluß der Sophia: es sollen keine neuen Menschen geschaffen werden, sondern nur Einer, der Gottmensch.

Dazu bedürfe es eines anderen Weges: Der männliche Adam secundus solle nicht als Erster unmittelbar aus der Hand des Schöpfers hervorgehen, sondern aus dem menschlichen Weibe geboren werden. Die Priorität falle diesmal also der Eva secunda zu, und zwar nicht etwa nur in zeitlichem, sondern auch in substantiellem Sinne.

So werde Maria, die Jungfrau, als reines Gefäß für die kommende Gottesgeburt auserwählt. Ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit vom Manne werde durch ihre prinzipielle Jungfrauschaft hervorgehoben. Sie sei eine „Gottestochter“, die, wie später dogmatisch festgestellt werden wird, von allem Anfang an schon durch das Privileg der unbefleckten Empfängnis ausgezeichnet und damit von der Befleckung der Erbsünde befreit sei. Ihre Zugehörigkeit zum „status ante lapsum“ sei daher evident. Damit würde ein neuer Anfang gesetzt.

Die Wiederherstellung der Schöpfung müsse also eine Brücke zum reinen Urzustand schlagen. Dies geschehe in Maria. Sie trage nicht nur die imago Dei in ungeminderter Reinheit, sondern inkarniere auch ihren Prototypus, die Sophia. Sie sei wie diese eine Mediatrix, die zu Gott führe und den Menschen dadurch das Heil der Unsterblichkeit sichere. Ihre Assumptio sei das Vorbild für die leibliche Auferstehung des Menschen. Als Gottesbraut und Himmelskönigin habe sie die Stelle der alttestamentlichen Sophia inne.

Maria würde sozusagen zum Status einer Göttin erhoben und büße damit ihre volle Menschlichkeit ein: Sie würde ihr Kind nicht wie alle anderen Mütter in der Sünde empfangen und daher würde es auch nie ein Mensch, sondern ein Gott sein. Beide, Mutter und Sohn, seien keine wirklichen Menschen, sondern Götter.

Diese Veranstaltung bedeute zwar eine Erhöhung der Persönlichkeit Mariae im männlichen Sinn, indem sie der Vollkommenheit Christi angenähert würde, aber zugleich auch eine Kränkung des weiblichen Prinzips der Unvollkommenheit bzw. der Vollständigkeit, indem dieses durch Perfektionierung bis auf jenen kleinen Rest, der Maria noch von Christus unterscheide, vermindert würde.

Hier müssen wir doch aus unserem referierenden Modus aussteigen. Jung unterstellt daß Sündhaftigkeit zum Wesen des Menschen gehört, faktisch ist es zwar so, aber es der Ausdruck eines gestörtes Wesens. So wie das Böse kein eigenes Sein hat, sondern es nur aus der Feindschaft gegen das Gute erlangt. Die volle Menschlichkeit wäre die ursprüngliche, ursprünglich war der Mensch aber sündlos geschaffen. Eine sündlose Inkarnation stellt also die Menschlichkeit eben gerade wieder her.

„Alle Welt ist Gottes, und Gott ist in aller Welt von allem Anfang an. Wozu dann die große Veranstaltung der Inkarnation? fragt man sich erstaunt. Gott ist ja de facto in allem, und doch muß irgend etwas gefehlt haben, daß nunmehr ein sozusagen zweiter Eintritt in die Schöpfung mit soviel Umsicht und Sorgfalt inszeniert werden soll.“

„Man vergegenwärtige sich, was das heißt: Gott wird Mensch. Das bedeutet nichts weniger als weltumstürzende Wandlung Gottes. Es bedeutet etwas wie seinerzeit die Schöpfung, nämlich eine Objektivation Gottes. Damals offenbarte er sich in der Natur schlechthin; jetzt aber will er, noch spezifischer, gar zum Menschen werden.“

Gott stellt also mit seiner Inkarnation den Menschen in seinem Mensch-Sein wieder her und zugleich erlöst Gott sich selbst, indem er Mensch wird.

Rückschau

Was als kurze Zusammenfassung geplant war, ist erwartbar weitläufig geworden. Dabei dachte ich in meinem letzten Beitrag zu Jung, es wäre zu hastig geworden, deshalb ein retardierendes Moment (und jetzt bloß noch eine gekürzte Wiedergabe desselben).

Denken wir uns einen Mythos. Ein Naturwesen, ein Berggott einer abgelegenen Landschaft im vorderen Asien, zunächst nicht so unterschiedlich von vergleichbaren Gestalten, fällt in erhebliche Identitätskonflikte, da er sich für die Menschen wirklich interessiert, genauer gesagt, von ihnen nicht loskommt. Er gewinnt eine Ahnung seiner Einzigartigkeit, teilt sich in bisher unbekannter Weise mit, fällt in moralische Ausweglosigkeiten, entfernt sich uneinholbar weiter vom bisher bekannten Archetypus des Göttlichen und wird sich darüber am Ende seiner selbst bewußt. Und erkennt, er müsse zum Menschen werden.

Jungs nimmt alles sehr ernst, spielt nicht damit herum, aber sein Geist ist auch ein wenig, sagen wir es höflich, gewunden und schräg. Er landet ständig an Orten, von deren Existenz man nicht einmal eine Ahnung hatte (man gewinnt unter o.g. Verweis vielleicht eine Ahnung davon)...

Der Schöpfer habe ausgerechnet den ersten Schöpfungstag nicht wohlwollend kommentiert. „Er sagte einfach nichts“. „Es ist klar, dass dieser unvermeidliche Dualismus schon damals, wie auch später, nicht recht ins monotheistische Konzept passen wollte, weil er auf eine metaphysische Zwiespältigkeit hinweist. Dieser Spalt muß, wie wir aus der Geschichte wissen, durch die Jahrtausende hindurch immer wieder geflickt, verheimlicht oder gar geleugnet werden.“

Trotz alledem habe er sich gleich zu Anfang schon im Paradies zur Geltung gebracht, indem dem Schöpfer eine merkwürdige Inkonsequenz unterlaufen wäre, nämlich die Erschaffung der Schlange, die sich als erheblich klüger und bewußter als Adam erwiesen habe. Es sei kaum zu vermuten, daß Jahwe sich selber einen solchen Streich gespielt habe; viel wahrscheinlicher dagegen habe hier sein Sohn, der Satan, seine Hand im Spiele. Er sei ein Trickster und Spielverderber und liebe es, ärgerliche Zwischenfälle zu veranlassen.

Wie konnte es zu diesen Schöpfungsunfällen kommen? „Wie später, so besteht schon hier der Verdacht, dass aus der Allwissenheit keine Schlüsse gezogen wurden, das heißt, Jahwe besinnt sich nicht auf sein Allwissen und ist infolgedessen nachher vom Resultat überrascht.“

Verdeckt und geschützt vom Saume des väterlichen Mantels setze Satan bald hier bald dort falsche und in anderer Hinsicht richtige Akzente, wodurch Verwicklungen entstünden, die auf dem Plane des Schöpfers anscheinend nicht vorgezeichnet gewesen wären und darum als Überraschungen wirkten. Während die unbewußte Kreatur wohl befriedigend funktioniere, ginge es mit dem Menschen irgendwie anhaltend schief.

„Die sonderbaren, nicht vorausgesehenen Extravaganzen der Menschen erregen Jahwes Affekte und verwickeln ihn dadurch in seine eigene Schöpfung. Göttliche Interventionen werden zu gebieterischen Notwendigkeiten. Es ist diesen aber ärgerlicherweise jeweils nur vorübergehender Erfolg beschieden, selbst die drakonische Strafe der Ertränkung alles Lebenden (mit Ausnahme der Erwählten), welcher nach der Auffassung des alten Johann Jakob Scheuchzer sogar die Fische nicht entgangen sind..., hat keine dauernde Wirkung.“

Die Schöpfung erweise sich nach wie vor als infiziert. Seltsamerweise suche Jahwe die Ursache dafür immer bei den Menschen, die anscheinend nicht gehorchen wollten, nie aber bei seinem Sohn, dem Vater aller Trickster. Diese unrichtige Orientierung könne seine ohnehin schon reizbare Natur nur verschärfen, so daß die Gottesfurcht bei den Menschen allgemein zum Prinzip und sogar als Anfang aller Weisheit betrachtet werde.

Während die Menschen sich unter dieser harten Zucht anschickten, ihr Bewußtsein durch den Erwerb einer gewissen Weisheit, d.h. zunächst Vorsicht oder  Besonnenheit zu erweitern, werde aus dieser historischen Entwicklung ersichtlich, daß Jahwe seine pleromatische Koexistenz mit Sophia seit den Tagen der Schöpfung offensichtlich aus den Augen verloren habe

An ihre Stelle träte der Bund mit dem auserwählten Volk, das dadurch in die weibliche Rolle gedrängt werde (einer patriarchalen Männergesellschaft, in welcher der Frau nur eine sekundäre Bedeutung zukam (!)). Diese psychologische Sicht würde nicht zuletzt Israels Untreue etwa erklären.

Der Ehe mit Israel liege ein perfektionistisches Vorhaben Jahwes zugrunde. Damit ist jene Bezogenheit, die man als „Eros“ bezeichnen könnte, ausgeschlossen. Der Mangel an Eros, d. h. an Wertbeziehung, träte im Hiob recht deutlich hervor: Das herrliche Paradigma der Schöpfung sei ein Ungetüm, nicht etwa der Mensch - wohlgemerkt! Jahwe habe keinen Eros, keine Beziehung zum Menschen, sondern nur zu einem Zwecke, zu dem ihm der Mensch verhelfen solle. Das alles hindere aber nicht, daß er eifersüchtig und mißtrauisch sei wie nur je ein Ehegatte, aber er meine sein Vorhaben und nicht den Menschen.

„Die Treue des Volkes wird umso wichtiger, je mehr Jahwe der Weisheit vergißt. Aber das Volk verfällt immer wieder der Treulosigkeit trotz vielfacher Gunstbeweise. Dieses Verhalten hat Jahwes Eifersucht und Mißtrauen natürlich nicht besänftigt, daher fällt die Insinuation Satans auf fruchtbaren Boden, als er den Zweifel an Hiobs Treue in das väterliche Ohr träufelt.“

„Hiob bezeichnet den Höhepunkt dieser mißlichen Entwicklung. Er stellt als Paradigma einen Gedanken dar, der in der damaligen Menschheit reif geworden ist, einen gefährlichen Gedanken, welcher an die Weisheit der Götter und Menschen einen hohen Anspruch stellt.“

Hiob sei sich dieses Anspruches zwar bewußt, wisse aber offenbar nicht genügend um die mit Gott coaeterne Sophia. Weil die Menschen der Willkür Jahwes sich ausgeliefert fühlten, bedürften sie der Weisheit, nicht aber Jahwe, dem bisher nichts entgegenstehe als die Nichtigkeit des Menschen. Mit dem Hiobdrama ändere sich die Situation aber von Grund auf. Hier stoße Jahwe auf den standhaften Menschen, der an seinem Recht festhalte, bis er der brutalen Macht weichen müsse.

Er habe das Angesicht Gottes und dessen unbewußte Zwiespältigkeit gesehen. „Gott war erkannt, und diese Erkenntnis wirkte nicht nur in Jahwe, sondern auch in den Menschen weiter... Die Weisheit, in hohem Maße personifiziert und damit ihre Autonomie bekundend, offenbart sich ihnen als freundlicher Helfer und Anwalt Jahwe gegenüber und zeigt ihnen den lichten, gütigen, gerechten und liebenswerten Aspekt ihres Gottes.“

Ist Gottes Wesen unwandelbar? Nun es vermag sich nur in sehr wandelbaren Wesen wiederzufinden. Also ist es womöglich der Mensch, der erwachsen zu werden versucht?

wird, sub conditione Jacobaea, fortgesetzt

Monreale, Gott ruht nach der Schöpfung

nachgetragen am 16. Mai


Kommentare:

Walter A. Aue hat gesagt…

Sehr, sehr interessant. Und so klar wiedergespiegelt, wie man es sich nur wuenschen kann.
Ueber den Inhalt bitte ich kommentarlos bleiben zu duerfen: Zu weit klaffen unsere Ansichten ueber die goettliche Natur des Menschen (und die menschliche Natur Gottes) auseinander; zu gering sind meine Kenntnisse der Theologie.
Aber ich darf doch sagen, was mich erheitert hat: Wie schnell das "gerade erst entdeckte" Unbewusste im Menschen sofort seinem Gott einverleibt wird. Und fuer beide der Rechtfertigung dient.
"Interaktivitaet" wuerde man das vielleicht heutzutage nennen, obwohl mir der aeltere Begriff der "Resonanz" immer noch besser gefaellt. Andere moegen das auch als (einen Teil von) Indras Netz sehen.
Ich freue mich schon auf die Fortsetzung!

MartininBroda hat gesagt…

Nun, ich mußte mich erst wieder zurückfinden, um weiter eine Schneise durch Jungs Ideenreichtum schlagen zu können. Im Grunde waren Sie schuld, hochverehrter Herr Professor, nehmen Sie es nicht falsch auf, aber ich empfand tatsächlich eine Art von schlechtem Gewissen. Übrigens war es alles andere als leicht, das Bisherige "zusammenzustreichen". Wen überrascht's. Ich dürfte auf Grund eigener Ferne eigentlich ebenfalls nicht kommentieren. Aber Ihre Freude motiviert mich natürlich, mich weiter hindurch zu mühen, immer sub conditione Jacobaea, wie ich nicht aus einer Laune heraus öfters betone.

Ihr M.W.