Montag, 25. Juli 2016

Erlkönig


Falkenstein - Erlkönig

Johann Wolfgang von Goethe

Der Erlkönig

Wer reitet so spät
      durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater
      mit seinem Kind;
Er hat den Knaben
      wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher,
      er hält ihn warm.

„Mein Sohn, was birgst du
      so bang dein Gesicht?“ -
„Siehst, Vater, du
      den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig
      mit Kron und Schweif?“
„Mein Sohn, es ist
      ein Nebelstreif.“

"Du liebes Kind,
      komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele
      spiel ich mit dir;
Manch bunte Blumen
      sind an dem Strand,
Meine Mutter hat
      manch gülden Gewand."

„Mein Vater, mein Vater,
      und hörest du nicht,
Was Erlenkönig
      mir leise verspricht?“
„Sei ruhig, bleibe
      ruhig, mein Kind:
In dürren Blättern
      seuselt der Wind.“

"Willst, feiner Knabe,
      du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen
      dich warten schön;
Meine Töchter führen
      den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen
      und singen dich ein."

„Mein Vater, mein Vater,
      und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter
      am düsteren Ort?“
„Mein Sohn, mein Sohn,
      ich seh es genau:
Es scheinen die alten
      Weiden so grau.“

"Ich liebe dich, mich reizt
      deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig,
      so brauch ich Gewalt."
„Mein Vater, mein Vater,
      jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir
      ein Leids getan!“

Dem Vater grauset's,
      er reitet geschwind,
Er hält in Armen
      das ächzende Kind,
Erreicht den Hof
      mit Müh' und Not:
In seinen Armen
      das Kind war tot.



Schubert - Der Erlkönig -  Dietrich Fischer-Dieskau

Johann Wolfgang von Goethe

[ á la Franz Peter Schubert ]

Elf-King

Who's riding so late
      through night so wild?
It is a father,
      he holds his child;
his son he cradles
      within his arm,
he keeps and shields him
      from frost and harm.

"My son, are you hiding
      your face in fear?"
Oh, father, see
      the Elf-King appear!
The King of Elves
      with crown and tail!"
"My son, it's fogs
      adrift the vale!"

"Thou pretty child,
      do come with me!
Such fine amusements
      shall I have with thee;
such pretty flowers
      grow on the shore,
my mother's got
      gold dresses galore."

"My father, my father,
      and do you not hear
how Elf-King softly
      tries to endear?"
Be still now, stay
      composed, my son:
you hear the breezes
      through dry leaves run."

"Wilt, pretty youngster,
      thou come with me?
My daughters shall be
      attending thee;
my daughters nightly
      their dances keep
and cradle and coddle
      and sing you to sleep."

"My father, my father,
      and do you not see
daughters of Elf-King
      beckoning me?"
"My son, my son,
      I see them quite clear:
those old willows look so
      grizzled and queer."

"I love you, I'm roused by
      your beautiful shape:
And if you're not willing
      I'll have you by rape."
"My father, my father,
      he's coming for me!"
Elf-King has done me
      an injury!"

The father's flesh creeps,
      he's riding like wild
his arms are protecting
      the whimpering child,
he reaches at last
      the old homestead:
Still in his arms
      the child
           was dead.

Translation/ Übersetzung
by / von Walter A. Aue

Wir denken ja gern, die Dinge, die wir mögen und die uns vertraut sind, wären für die Ewigkeit, sind sie hoffentlich auch, aber jedenfalls nicht hier. Am 25. Juli a.c teilte mir Herr Prof. Aue mit, daß seine Website, die an diesem Ort gelegentlich aufgetaucht ist, demnächst verschwinden wird, im August. Den haben wir inzwischen, es ist ein Nachtrag. Wenn man nicht mehr 16 Jahre alt ist, hat man unter gewöhnlichen Umständen das eine oder andere erfahren. Die in ungünstigeren Zeiten geboren wurden weit mehr davon, ich weiß. Aber das war offen gestanden ein Schlag in die Seele. Wir beginnen also mit Herrn v. Goethe, den gab es hier noch nicht so oft.

Der Ignoramus, der wir nun einmal sind, hat den Freiherrn ja schon des öfteren in den Verdacht des Oberflächlichen ziehen wollen. Aber hier ist er über sich hinausgewachsen. Diese psychologische Genauigkeit vor dem Grauen, in das jemand geworfen wird, das Ausgeliefert-Sein, die Versuche desjenigen, dem die Sorge obliegt, sich an das Bekannte und Vertraute zu klammern, obwohl er dem selbst längst nicht mehr traut. Eine Art hoffnungsloses Singen in dunkelster Nacht. Und selbst das Wesen des Grauens ist tastend beschrieben. Große Kunst, die sogar sprichwörtlich geworden ist.


Unser Großherzog war mit dem Herrn v. Goethe gut bekannt. Darum das Bild.
nachgetragen am 3. August

Kommentare:

Walter A. Aue hat gesagt…

Ja, mir tut das ja auch sehr leid, aber meine Universitaet beschloss, Geld zu sparen und unsere (Studenten und Professoren) Websites zu eliminieren. Sie riet den Betroffenen, sich gefaelligst einen Privatprovider zu engagieren. Nicht ganz leicht fuer die Gedichtuebersetzungen, deren Source Code ich - um damals html zu lernen - selber zusammengestoppelt hatte. Und juenger (webweiser) werde ich ja auch nicht.

Ich habe aber die ganze Website noch schnell vor ihrem Ableben archiviert, damit das Material nicht seinen Cyberatem aushaucht und fuer etwaige Nachfragen verfuegbar bleibt. Vielleicht gibt's ja auch einmal eine Auferstehung, aber das ist alles noch sehr unklar.

Wie gesagt, Pardon, entschuldigen schon, nichts fuer ungut! Mit meiner Website ist es mir ergangen wie dem reitenden Vater mit seinem Sohn. Wenn der Erlkoenig sich einmal etwas in den Sinn setzt...

MartininBroda hat gesagt…

Das Kostenargument ist natürlich schon einmal ärgerlich, da reichlich unsinnig in Zeiten billig gewordenen Speicherplatzes, wie auch immer.

Man sagt gern, man lernt Dinge erst zu schätzen, wenn man sie verliert. Das mag auch richtig sein. Aber oft ist es doch so, daß man Dinge resp. Menschen schätzt, sehr sogar, aber zu selbstverständlich davon ausgeht, daß sie immer da sein werden, und akzidentiellen Sachen zu sehr erlaubt, sich davor zu schieben. So bleiben sie präsent als selbstverständlicher „Besitz“, der so selbstverständlich eben nicht ist.

Ich habe ein wenig von Ihren Übersetzungen jüngst noch einmal aufgegriffen (ich hätte es gern öfter getan, aber derzeit ist es halt mühsam) und da fiel es mir wieder auf, daß die Übersetzungen halt das eine sind, das Wissen, die Bezüge & Verweise, manchmal etwas verqueren Erklärungen (Entschuldigung) etc., die machen es so lebendig. Schade!