Mittwoch, 10. August 2016

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben


Jännerwein - Hoher Gesang

Johann Gottfried Herder

In Mitte der Ewigkeit

Ein Traum, ein Traum ist unser Leben 
auf Erden hier. 
Wie Schatten auf den Wogen schweben 
und schwinden wir.

Und messen unsre trägen Schritte 
nach Raum und Zeit; 
und sind (und wissen's nicht) in Mitte 
der Ewigkeit... 


Within Eternity

A dream, a dream is our being 
of mortal clay, 
like shadows on the road we're fleeing 
and fade away.

We measure progress by the ride of 
an hours' strife, 
and live - and know not - right inside of 
eternal life... 

Translation by Walter A. Aue

Bei den „trägen Schritten“ stehen eigentlich „Tritte“, aber ich fand, das spricht sich nicht gut, es ist der Anfang von „Amor und Psyche auf einem Grabmal“, und der Rest ist, nun ja, aber das soll ja öfters vorkommen, daß ein Gedicht großartig beginnt, um dann erbärmlich abzusaufen.

Und in einer anderen Variante schweben Schatten auf den „Wegen“. Dieser eine Buchstabe macht einen großen Unterschied und findet sich in der Übersetzung wieder. Beides hat sein Recht und seinen Reiz. Auf dem Wasser kann man versuchen, ein Boot zu steuern, wenn es einen denn läßt. Wege scheinen verläßlicher. Und da kommt einem natürlich Hölderlin in den Sinn mit seinem kaum ergründlichen „Spieluhrvers“. Einer der tiefgründigsten deutscher Sprache, so man sich kurz fassen will.

Friedrich Hölderlin

Die Linien des Lebens

Die Linien des Lebens sind verschieden, 
Wie Wege sind, und wie der Berge Grenzen. 
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen 
mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden. 


The Lines of Life...

The lines of life are different, they sever 
just like the roads, just like the mountain ranges. 
What here we are, a God molds there - and changes 
us toward reward and joy and peace forever.  

Translation by Walter A. Aue

Kommentare:

Walter A. Aue hat gesagt…

Ah, wieder was dazugelernt. Ich kannte die Originalfassung nicht und las die erste Strophe irgendwo auf dem Internet. Unerfahren und faul suchte ich nicht weiter. Herzlichen Dank!

Und hier ist meine Uebersetzung nochmals, mit einigen kleinen Aenderungen. Vielleicht trifft sie die Stimmung jetzt ein bisschen besser?

Das ist ja das Problem, mit dem ich mich viel herumgeschlagen habe und noch immer herumschlage: Was ist wichtiger im Fall der erzwungenen Wahl, die Dominanz der korrekten Uebersetzung oder die Wiedergabe der richtigen Stimmung, der Poesie? Diese Uebersetzung gibt (fuer mich) klar der Poesie den Vorrang:

Within Eternity

A dream, a dream is our being
of mortal clay,
as shadows on the waves are fleeing
and fade away.
We measure progress by the ride of
an hours' strife,
and live, not knowing, right inside of
eternal life...

MartininBroda hat gesagt…

Das ist sehr schön!