Donnerstag, 27. April 2017

Freitag, 14. April 2017

Karfreitag

El Greco, St. Johannes und der Hl. Franziskus 

Und: Heinrich Schütz: “Johannes Passion", SWV 481, Dresdner Kreuzchor, 1970
hier gefunden

Dienstag, 4. April 2017

Von Königin Luise, und wie man ein Gedenken zu bereinigen sucht


Wer das Nachfolgende etwas zu langatmig findet, dem empfehle ich zur schnellen Orientierung den Beitrag: „Louisen-Gedenkstätte sorgt für viel Diskussionsstoff“ auf dem Blog Strelitzius samt dem Kommentar des Dr. Rajko Lippert dazu. Das gibt mir nebenbei die Möglichkeit, über die Sache hinaus, nämlich die irritierenden Pläne des Landes Mecklenburg-Vorpommern zur Neugestaltung der Gedenkstätte am Sterbeort der Königin in Hohenzieritz, scheinbar Nebensächliches anzumerken.

Aber auszugsweise will ich den Kommentar des Herrn Dr. Lippert hier wiedergeben: „Das Unvermeidliche wird getan: Das Sterbezimmer bleibt in respektablem Zustand. Zugegeben, das gefällt mir wirklich... Aber warum gefällt mir das? Weil fast alles beim Alten geblieben ist und eine neue Idee dazu kam. Der Rest:
a) 1 Zimmer mit 2 Bildern, 2 Türen, 2 Medienstationen und einer Holztafel, auf der sich alle einkritzeln dürfen (weil wir ja jetzt alle irgendwie gleich sind – nicht, dass das nur wie früher adlige Familienmitglieder tun),
b) 1 Zimmer mit 1 Kassentresen, 1 Standuhr, ein paar Bildern, die man sich ansehen kann, wenn man an der Kasse ansteht – und damit hat man ja den wesentlichen Teil der Ausstellung schon gesehen.“

Die Experten

Doch beginnen wir mit dem Positiven. Dr. Friederike Drinkuth, Referatsleiterin im Referat 440 - Staatliche Schlösser und Gärten in Mecklenburg-Vorpommern im hiesigen Finanzministerium – ist zweifellos eine honorige Person, so wie auch ihr Stellvertreter Dr. Jörg Meiner.

Erstere erhielt 2016 den Annalise-Wagner-Preis für ihr Buch „Männlicher als ihr Gemahl“ über Herzogin Dorothea Sophie von Mecklenburg-Strelitz (1692-1765), die Gemahlin Adolf Friedrichs III., worin sie erklärte, diese sei die eigentlich beherrschende Gestalt jener Zeit gewesen, so ginge die Verlegung der Residenz aus dem abgebrannten Schloß in Strelitz in das neugegründete, deswegen auch Neu-Strelitz, auf sie zurück.

Ihr Stellvertreter im Referat, Dr. Jörg Meiner, längere Zeit der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg zugehörig, hat einiges Launige zu Friedrich Wilhelm IV. verfaßt, etwa unter dem Titel: "Durch äußeren Glanz innere Macht erkennen lassen" oder "Wohnen mit Geschichte. Die Appartements Friedrich Wilhelms IV." (man findet es schnell, wenn man danach sucht). Und auch anderes zur preußischen Geschichte. Aber wir haben uns gerade entschlossen, exzessiv zu zitieren, nämlich aus dem erstgenannten Beitrag. Das macht dann die Haltung zum beschriebenen Gegenstand doch recht exemplarisch deutlich.

"Die lange Tradition von politisch determinierter Herrschaftsarchitektur in den Monarchien Europas war ihm aus seinem Unterricht und vielen Stichwerken bekannt. So scheint es nicht allein aus der privaten Vorliebe des königlichen Architekturdilettanten zu resultieren, dass sich auf den meisten seiner hinterlassenen Zeichnungsblätter architektonische Motive finden. Hier kreuzt sich vielmehr der Hang Friedrich Wilhelms zur großangelegten und mit einer diffusen Tendenz zum Genialischen versehenen Bauplanungseuphorie mit der Einsicht, dass die Monarchie aus politischen Gründen eine schlagkräftige und überzeugende architektonische Außendarstellung benötige, sowohl im Profanbau als auch bei Kirchenbauten."

"Friedrich Wilhelm IV. (1795-1861) gehört zu den interessantesten preußischen Herrschern. Aber nicht weil er seine Regentschaft mit politischem oder militärischem Handeln im gesellschaftlichen Gedächtnis verankern konnte, nicht weil er Demokraten mit Soldaten ausmerzen wollte und er 1848 eine mehr als unglückliche Figur machte. Sondern er ist vor allem aufgrund seines Talents und seines Gespürs für das künstlerische Element im individuellen und sozialen Leben in Erinnerung geblieben."

Und dann zitiert er seinerseits aus der Leipziger "Illustrirten Zeitung" von 1846: "Zwei Eigenschaften sind es, welche das unumschränkte Königthum von je mit seinem Begriffe zu verbinden suchte: die der Macht und des Glanzes... Auch das Königthum in Preußen verschmähte es seit seinem Entstehen nur unter Friedrich Wilhelm I. nach Außen hin das zu scheinen, was es war, und wie einfach auch das Privatleben Friedrich's d. Gr. und Friedrich Wilhelm's III. blieb, doch ließen sie selten eine Gelegenheit entgehen, mit königlichem Glanz ihren Thron zu umgeben, während Friedrich I. und Friedrich Wilhelm IV, welcher jetzt Preußens Krone trägt, sich Beide darin begegnen, die äußere Erscheinung des Souverains möglichst imposant durch seinen Hof, seine Residenz im engeren und weiteren Sinne möglichst glänzend, mit einem Worte königlich zu machen.

Dieses Streben im rechten Sinne aufgefaßt, eben wie es uns in Preußen jetzt entgegentritt,... kann keineswegs getadelt werden und es ist eines großen, mächtigen und reichen Volkes würdig, daß, so lange es überhaupt Herrscher hat, diese auch als seine Repräsentanten seiner entsprechend sich zeigen und durch äußeren Glanz innere Macht erkennen lassen.

Darum, wie umfassend und kostspielig auch die Unternehmungen, namentlich auf dem Gebiete der Baukunst sind, denen Friedrich Wilhelm IV. seine Aufmerksamkeit besonders gern schenkt, können seine Unterthanen doch auf der einen Seite mit Vertrauen denselben zuschauen, indem der geregelte Staatshaushalt und der gute Wille des Königs genügende Bürgschaft gegen jede Beeinträchtigung des Allgemeinwohls dadurch bieten; auf der andern Seite aber sogar mit Stolz auf dieselben blicken, weil sie unvergängliche Zeugen des Geschmacks und der Kunstbildung unserer Zeit bleiben werden."
Er (nämlicher Dr. Meiner) kommentiert dieses zeitgenössische Urteil darauf wie folgt: "Die architektonische Außenwirkung des Staates und des Königshauses trägt nach der gewiss zu verallgemeinernden Überzeugung dieses Zeitgenossen somit wesentlich zur Stabilisierung der traditionellen gesellschaftlichen Ordnung bei. Das Bürgertum und seine königlichen 'Repräsentanten' ziehen gleichsam an ein und demselben vaterländischen Strang."

(Jörg Meiner: "durch äußeren Glanz innere Macht erkennen lassen". Die Pläne zur Erweiterung alter Residenzschlösser in den Zeichnungen Friedrich Wilhelms IV., in: zeitenblicke 9, Nr. 3 [23.12.2010])

Wozu dieses weite Ausholen? (Nachdem zuvor einiges an Lektüre nachgeholt worden ist.) Nun Interesse und profunde Kenntnis wird man danach wohl kaum anzweifeln dürfen, aber es scheint ein eher kühles, fast naturkundliches Interesse, das kaum in Verdacht gerät, allzu empathisch werden zu wollen, und sehr aus für das Gegenwärtige charakterischen Urteilen und Haltungen lebt.

(Das pure Gegenteil, nämlich laienhaften Enthusismus kann übrigens, wer will, hier nachlesen. Denn Friedrich Wilhelm IV. beließ es eben nicht nur bei seiner "Bauplanungseuphorie". Sein Denken wurde nicht selten zu Stein, und von diesen Steinen zehren wir geistig noch heute.)

Sterbelager der Königin Luise in Hohenzieritz 
am Morgen des 19. Juli 1810

Der Anlaß

Warum also diese Einführung? Der Verein Kulturgut Mecklenburg-Strelitz, der sich der Erinnerung an das Erbe dieses vergangenen Landes verschrieben hat, lud für vergangenen Dienstag, also den 28. März, ins Kulturquartier Mecklenburg-Strelitz nach Neustrelitz zur Veranstaltung "„Wie geht es weiter mit der Luisengedenkstätte Hohenzieritz?“

Nach dem Übergang der Königin-Luise-Gedenkstätte im Schloss Hohenzieritz von einem privaten  Verein an das Land Mecklenburg-Vorpommern vor einem Jahr solle die Gedenkstätte am 3. Juni 2017 wieder eröffnet werden.

In das neue Konzept und die Umbauarbeiten würden Dr. Friederike Drinkuth und Dr. Jörg Meiner von der Abteilung Staatliche Schlösser und Gärten im Finanzministerium einführen, um sich anschließend den Fragen des Publikums und der Diskussion zu stellen.

Das Geschehen

Das taten sie, supervisiert von Herrn Stefan Wenzl, Leiter der Abteilung 4 im Finanzministerium von Mecklenburg-Vorpommern - Staatshochbau, Liegenschaften, Schlösser und Gärten, der nur gelegentlich eingriff..

Das Konzept ist sagen wir "puristisch", so in etwa wie der "Wiederaufbau" Kassels nach dem letzten Weltkrieg puristisch erfolgte. Alles solle sich auf das Sterbezimmer konzentrieren, nichts von ihm ablenken. Was nicht authentisch mit Ort und Zeit verbunden sei (und davon ist ja auch noch so viel übrig), würde entfernt (also eingelagert, vernichtet oder an die Leihgeber zurückgeschickt). Und damit die (wenigen) Bilder besser wirkten, bekämen die Wände der kahlgeräumten Räume einen Anstrich in (einem aseptisch anmutenden) Grün (würdig einer Gerichtsmedizin).

Königin-Luise-Gedenkstätte, Schlo0 Hohenzieritz, 2014

Bis vor kurzem sahen sie aus, wie auf dem Bild oben recht gut erkennbar. Ein Ort geschaffen von Liebhabern, die Geschmack, Geist und Anmutung jener Zeit herüberbringen wollten, eine Aura aufrufend, in der der Interessierte auf angenehm verwandte Bestrebungen traf. Da vom Originalen kaum noch etwas die unerfreuliche Zwischenzeit überstanden hatte, mußte man oft improvisieren, aber tat dies sorgsam, hat in seinem Eifer das Ganze vielleicht sogar zu einem allzudichten Wunderkabinett eindringlicher Anhänglichkeit und Sympathie werden lassen. Aber die Gesamtwirkung dieser überschaubaren Zimmer war überüberwältigend, und lebendig.


Dies alles soll nun also fort, offensichtlich stört es. Nun klingt das neue Konzept nicht gänzlich unlogisch. Wenn es für ruinöse Räume, wo vorher nichts mehr gewesen, völlig neu entworfen worden wäre, sogar plausibel. So aber ist es das Konzept einer Auslöschung von dem, was Menschen, die sich diesem Ort verbunden fühlen, in Jahren zusammentrugen und aufbauten.

Und jetzt kommen wir zu dem, was diese Veranstaltung endgültig so gruselig machte. Beide Experten waren in ihrem Vortrag eloquent, detailsicher, entgegenkommend, freudlich bis zur Euphorie, auch voller Lob und Dankbarkeit für das bürgerschaftliche Engagement, das an diesem Ort gewirkt habe. Sie appellierten geradezu an dieses bürgerschaftliche Engagement (das gewissermaßen vor ihnen saß, der Verein allerdings hat sich inzwischen aufgelöst), das so notwendig sei (es gibt kein Personalkonzept) und auf das man hoffe (obwohl man sein Wirken gerade so leisetönend, aber dafür konsequent, entsorgt hatte).

Warum leisetönend? Nun ein Zuhörer fragte anschließend, was die denn genommen hätten. Das gibt vielleicht einen Hinweis, daß auch andere etwas als irgendwie gruselig empfanden. Es waren leise bedachte Worte, die ihren eigenen Narrativ ausrollten, bedacht im Sinne von, daß augenscheinlich ein Wort das andere ergeben müßte, auch wenn der Satz, den sie bildeten, keine wirkliche Logik hatte. Ein für solche Anlässe sprachungewohnter Erzählungsstrom (freundlich, gedämpft, entschleunigt, ständig anknüpfend, voller glaubhafter Empathie, alles Kontroverse auslassend, ja geradezu einen Anlauf zu derselben förmlich unanständig aussehen lassend). Wie das psychedelische Raunen einer ertrunkenen Ophelia? Wir suchen gerade nach Referenzstellen, die das spürbar Absurde einordenen könnten.

Ein nüchternerer Kommentar war anschließend: Ich hatte auch den Eindruck, die wollten uns in den Schlaf singen.

Was eben die Sache so gruselig machte. Die, deren Wirken man abräumen wollte, saßen vor einem, und der Singsang zu diesem geplanten Zerstörungswerk enthielt alles Mögliche, aber kein Bedauern, kein Mitgefühl, und sei es ein resigniertes, kein Einräumen, daß das professionelle Neue das amateurhafte Alte halt beiseite schieben müsse. Das, was man sagte, und das, was man doch gleichzeitig zeigte, sie hatten nahezu nichts miteinander zu tun. Ein Beispiel: Man sei dankbar für für die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Hause Mecklenburg. Wenig später wurde eine höchst verärgerte Botschaft Herzog Borwins verlesen. Keine Reaktion.

Die Fassade bekam erst in der Fragerunde leichte Risse und brachte dann dem Herrn Abteilungsleiter seinen Auftritt. Eine Zuhörerin gab vorsichtig ihren Eindruck kund, alles wirke doch sehr leergeräumt und kalt. Keine Antwort. Dann (man muß wissen, eigentlich sitzt in dem Schloß heute die gut ausgestattete Verwaltung des Müritz-Nationalparks), ob die Nationalparkverwaltung nicht einige Räume abtreten könne, um die bisherige Ausstellung in Teilen zu retten. Antwort, man habe nicht die Absicht, aus dem ganzen Schloß ein Museum zu machen. Nun, das war nicht die Frage.

Dann mit einer gewissen Empörung in der Stimme, man habe ja wohl endlich bemerkt, was für ausgewiesene Fachleute hier für das Ministerium wirken würden, und die verdienten deutlich mehr Respekt, und überhaupt erwarte er schon ein gewisses Vertrauen in eine verantwortungsvolle Verwaltung, die schließlich zuständig sei. Auf den Einwand der fehlenden Information und des mangelnden Versuchs einer Einbindung derjenigen, die sich bisher engagiert hätten -  man habe schließlich immer seine Bereitschaft zur Information gezeigt, nach den Entscheidungen selbstverständlich. Schließlich habe man die Verantwortung.

Der Ausblick?

Herr Jürgen Haase vom Residenzschloßverein Neustrelitz hat inzwischen bei der Denkmalbehörde Anzeige gegen die Verwaltung der Schlösser und Gärten MV wegen mutmaßlicher Beschädigung eines baulichen Denkmals erstattet. Grund sei die geplante Umgestaltung der Luisengedenkstätte im Schloß, die die Zerstörung eines Denkmals bedeute, so kann man hier nachlesen. Anscheinend ein erneuter Akt von „Bilderstürmerei und Kulturbarbarei". Bezeichnend für ihn sei eine Aussage der Behördenvertreter gewesen, wonach es für die geplanten Arbeiten im Hohenzieritzer Schloss keine denkmalpflegerische Zielstellung geben würde.

Das ist löblich und hat selbstredend meine Sympathie. Aber, nun ja. Daß Bilderstürmerei nie sine ira et studio erfolgt, weiß man. Also gehe man davon aus, daß das Andenken an unsere Königin schlicht in das Gedränge inzwischen meist auch beamteter ideologischer Akteure geraten ist. Das Vergangene muß dahinscheiden und zu einem angejahrten Ornament werden, mit dem man sich diesmal gerade noch schmücken will. Das Gedenken sediert man besser menschenfreundlich. Bevor das großartige Neue kommt, von dem schon so viel erzählt wurde. Freie Bahn dem Neuen. Das Alte hindert doch nur. Dabei will es einfach nicht vergehen.

Hoffen wir, daß dieser Alptraum aus Täuschung und Schlimmerem von uns genommen werde, und wir erschöpft, doch erlöst, bald davon erwachen dürfen.


Freitag, 31. März 2017

Eine Rezension

Sebastian Brant „Das Narrenschiff“, 1494 
Albrecht Dürer zugeschrieben, hier gefunden  

Robin Alexander „Die Getriebenen – Merkel und die Flüchtlingspolitik: Report aus dem Innern der Macht“ Siedler-Verlag 2017

Robin Alexander hat uns ein Buch geschenkt, in dem akribisch beschrieben wird, auf welchem Niveau auch die Bundespolitik sich in diesem Land inzwischen ereignet. Er beschreibt einen energischen Kampf, der mit völlig untauglichen Mitteln gegen Probleme geführt wird, die man zuvor aus Dummheit hervorgerufen und aus verbohrter Uneinsichtigkeit immer weiter verschärft hat. Zurecht stellt der Autor an zentraler Stelle seines Werkes fest: „Niemand fragt die Bundesregierung, wie sie neue Regeln in Europa durchsetzen will, wenn sie die alten schnöde missachtet.“

Das ist tatsächlich der Ausgangspunkt des Unheils, das über Europa hereingebrochen ist. Noch lange vor der Eskalation der Zuwanderungsfrage stellte der Chef der Bundespolizei, Dieter Romann, gebetsmühlenartig fest, dass der Artikel 16a des Grundgesetzes, der politisch Verfolgten das Asylrecht verbürgt, im zweiten Absatz lautet: „Auf Absatz 1 kann sich nicht berufen, wer aus einem Mitgliedsstaat der Europäischen Gemeinschaften oder einem anderen sicheren Drittstaat einreist.“ Darüber hinaus sah das sogenannte Dublin-Verfahren vor, dass ein Asylantrag in dem Staat zu stellen sei, in dem der Antragsteller zuerst den Boden der Europäischen Union betreten hatte.

Die erste Pflicht eines Staates ist es, das Recht auch durchzusetzen, genau darauf hat man in der sogenannten Flüchtlingskrise irgendwann ganz verzichtet. So konnte es geschehen, dass aus der „Ausnahme vom Recht“, besser wäre der Begriff Rechtsbruch, ein über Monate andauernder Ausnahmezustand geworden ist, in dem sich eine massenhafte und unkontrollierte Zuwanderung ereignete, wie sie dieses Land in Friedenszeiten noch nicht erlebt hat. Die berechtigte Frage: „Kann es noch einmal zu einer Ausnahme kommen?“ beantwortete der Kanzleramtsminister wie folgt: „Es hat jetzt wenig Sinn, zu spekulieren.“ Es ist künftig also reine Spekulation, ob sich die deutsche Regierung an Recht und Gesetz hält. Alles das kann man in diesem Buch komprimiert nachlesen. Es wird dadurch zu einem Dokument der Ernüchterung.

Der Autor scheut sich aber auch nicht, die ans Pathologische grenzende Gefühlslage von Teilen der Bevölkerung und vor allem der Medien zu erörtern. „Mit jungen Syrerinnen und Irakern vorwärts in die multikulturelle Zukunft oder mit primitiven Ossis und Ewiggestrigen zurück in die rassistische Vergangenheit?“ Mit dieser absurden Alternative hätten die „Spiegel“-Macher die spezifische deutsche Gefühlslage in jenem Herbst perfekt getroffen, stellt Alexander fest und bietet noch weitere Beispiele für die schaurig-schöne Ideologisierung der Völkerwanderung. „Die Flüchtlinge als Erlöser von der schrecklichen deutschen Vergangenheit“ ist eine besonders hervorstechende These.

Bedrückender Weise stellt auch die Frau im Amt der Kanzlerin diesen Zusammenhang her und nutzt dazu ihre unvergleichliche Sprache: „Und das ist etwas sehr Wertvolles, wenn man einen Blick in unsere Geschichte wirft, und das drückt sich darin aus. Also, ich finde das schon durchaus bewegend.“

Dass dann am Ende McKinsey-Berater Millionen Euro von der Regierung kassieren, um Konzepte dafür zu schreiben, wie ein Problem bewältigt werden kann, dass bei bloßer Beachtung des Rechts niemals eingetreten wäre, ist schon nur noch eine Randnotiz in diesem absurden Theater.

Nach der Lektüre des 286 Seiten starken Bandes beschleicht einen das Gefühl, dass das Vorgehen dieser politischen Klasse auch bei ihren anderen großen Projekten – Energiewende, Eurorettung, um nur zwei zu nennen – genauso aussieht. Es bleibt der Satz der Frau aus dem Kanzleramt: „Ist mir egal, ob ich schuld am Zustrom der Flüchtlinge bin. Nun sind sie halt da.“
Thomas Roloff

Donnerstag, 23. März 2017

Über das Rettende der Dichtung


Emily Dickinson

I felt a funeral in my brain

I felt a funeral in my brain,
And mourners, to and fro,
Kept treading, treading, till it seemed
That sense was breaking through.

And when they all were seated,
A service like a drum
Kept beating, beating, till I thought
My mind was going numb.

And then I heard them lift a box,
And creak across my soul
With those same boots of lead, again.
Then Space - began to toll

As all the heavens were a bell,
And Being but an ear,
And I and silence, some strange race,
Wrecked, solitary, here.

And then a plank in reason broke,
And I dropped down and down
And hit a world, at every plunge,
And finished knowing, then -


Ich fühlt' Begräbnis im Gehirn

Ich fühlt' Begräbnis im Gehirn
Und Trauergäste - her
Und hin - die trampelten und trampelten
In meinem Kopfe schwer.

Und als sie endlich saßen,
Die Andacht, trommelgleich,
sie hört nicht auf zu schlagen, schlagen,
Und schlug das Hirn mir weich.

Ich hört' sie heben meinen Sarg
Und durch die Seele dann
Mit Eisenstiefeln knirschend gehn...
Bis Raumgeläut begann.

Das war'n die Himmel Glocken nur,
Und Ohr nur war mein Sein,
Und Ich und Ruh war'n Fremde hier,
Gescheitert und allein.

Zuletzt des Denkens Boden brach
Und, Sturz um Sturz entlang,
Fiel ich von Welt zu Welt, bis ich
Des Wissens Ende fand.
übersetzt von Walter A. Aue

Dies ist ein eher gruseliges Werk von Frau Dickinson, und erscheint daher umgehend vertraut wie die eigenen Alpträume. Wobei, solange man darüber distanziert schreiben kann, hat es auch etwas von einer Schamanenbeschwörung an sich, oder einem Abwehrzauber, wer weiß das schon so genau. Und will es überhaupt wissen?

"Created by William C. North, 
between December 10, 1846 and late March 1847"

Es gibt verschiedene Ausflüchte, mit dem Irrsinn umzugehen. Man kann sich ihm tapfer als Tiefenpsychologe zu nähern suchen und damit seiner Rationalität versichern, so wie ich wohl einmal antwortete - einen Pfad des Sinn-Bergenden in all dem Irrsinnigen und Absurden aufzuspüren. Ein netter Versuch.

Oder man setzt sich dem aus, wartet, sieht, und schreibt davon. So wie Frau Dickinson. Und was, wenn es der eigene Irrsinn ist, und man nicht einmal dies zuverlässig weiß, jedenfalls nicht nach diesem Gedicht? Wie auf Treibsand gebaut zu sein oder dgl.? Dichtung erzieht die Gedanken zur Ernsthaftigkeit und die Gefühle zur Aufrichtigkeit. Wenn sie es denn wahrhaftig ist. Aber das verbindet sie mit der Religion. Gewisse Wahrheiten erschließen sich nur von innen. Und sie machen das Menschliche kenntlich.

Dennoch ist es ein gruseliges Gedicht, denn es beschreibt das eigene Abgleiten, den Verlust des persönlichen Zentrums. Als Beobachter! Und nach einem Ausdruck dafür suchend, findet sie das Bild eines Begräbnisses, dem sie beiwohnt, und das geradezu kafkaesk entgleitet. Alpträume halt. Die ja nun das Gegenteil von sinnlos sind, nur halt schwer zu entziffern.

Obwohl. Ist dies überhaupt wahr? Sie fühlt ein Begräbnis, aber schreibt nicht, es sei das ihres Verstandes, ihr Verstand fühlt aber wohl, was vorgeht. Er kennt es zu genau.

Und sie bricht durch. Ein in anderen religiösen Zusammenhängen gern gebrauchter Begriff, der hier nur sagt, daß sie mit dem Wissen fertig sei. Um was zu finden? Das eben bleibt offen. Obwohl es ein Gedicht ist, das von dem Ende handelt, oder dieses zu sein scheint, reißt sie uns freundlich auch für solche Momente das Offene auf.

Der Anlaß. Wenn man sich im Vertrauten eingerichtet hat, gar nicht anders kann, Warnungen erhält, sie aber lieber wegschiebt..., ist man zumindest verstört. Prof. Aues monumentale Seite englisch – deutscher Lyrik ist jetzt tatsächlich verschwunden (das erste Bild ist eine Erinnerung daran). Daß auch an der Dalhousie University in Nova Scotia, an der er zuletzt gelehrt hatte, derlei Barbarei eingezogen ist, sollte einen nicht überraschen. Dennoch tut es dies. Man hat in sich immer noch dieses unzerstörte kindliche Urvertrauen, daß doch jedermann ein Ding von Schönheit erkennen müsse, und es anschließend beschützen wolle, aber doch nicht zerstören könne.

Die Welt aber ist nicht so, die falsche Welt. Wir aber leben in der Wahrheit. Nicht zuletzt der der Dichtung. Hier mag man Prof. Walter A. Aues Spur weiterverfolgen.

nachgetragen am 24. 3.

Donnerstag, 16. März 2017

Über das Deutsche in der jüngeren Geschichte

Germania von Philipp Veit (ca. 1834)

„Und weil ihr das Herz sein solltet von Europa, seid ihr mir lieb gewesen, wie mein eigenes Herz, und werdet mir lieb bleiben ewiglich.“
E. M. Arndt

Die Katastrophe des 19. und 20. Jahrhunderts

Prolog

Am 16. März 1917, also genau vor einhundert Jahren, endeten in Russland drei Jahrhunderte Herrschaft der Romanows. Ein gravierender, und inzwischen können wir mit jedem Recht sagen, ein überaus verhängnisvoller Einschnitt in der Geschichte dieses großen Volkes. Dieses Datum ist der Anlass für diese Niederschrift, denn die deutsche und die gesamte europäische Geschichte sind mit der Russlands unlöslich verbunden.

Politik ist nicht der Bereich, in dem man moralisch werden und am Ende mit dem Begriff der Schuld operieren sollte. Eine Vermutung drängt sich beim Blick auf die Geschehnisse dann schnell auf - etwas solle verschleiert werden. Erlauben wir uns den freieren Blick.

Politik misst sich allein nach ihren Absichten und der Kunst ihrer Durchsetzung. Die Bewegung großer Staaten lässt sich nämlich nicht vor den Richterstuhl zerren, denn das wäre genauso, als wollte man über Naturkatastrophen moralisch urteilen. Darum muss allein mit diesen beiden Maßen, den Absichten und ihrer Durchsetzung, ein anderer Blick vor allem auf das 19. und dann aber natürlich auch auf das 20. Jahrhundert versucht werden. Dabei bleibt richtig, dass die Geschichte nach christlicher Überzeugung ein Ganzes ist und sich auch das 19. Jahrhundert aus konkreten Voraussetzungen und Gegebenheiten erhoben hat.

Napoleon

Ganz am Anfang unseres Zusammenhangs steht die Französische Revolution. Schon an ihr wird deutlich, selbst wenn sie von allen mit den besten Absichten begonnen worden wäre, dann führte sie dennoch in eine schwere Katastrophe, in Mord und Unrecht. Es ist nur schwer zu verstehen, warum man ihr dennoch bis heute das Etikett „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ anhängt, obwohl sie das genaue Gegenteil bewirkte. Mag es auch zuvor Unrecht und Missstände gegeben haben. Sie wurden bei weitem durch das in den Schatten gestellt, was die Revolution hervorgebracht hat.

Es brauchte einen Napoleon, um den fortschreitenden Terror und die rücksichtslose Zerstörung des Gemeinwesens einzudämmen und die entfesselten Gewalten in die Verwirklichung eines imperialen Gedankens von der Neuordnung Europas zu lenken.

Dies zustande gebracht zu haben, macht die Größe der historischen Gestalt Napoleons aus. Er lenkte die gewaltigen Energien seines entfesselten Landes in beinahe alle Richtungen. Vor allem mit dem Rheinbund und Italien stellte sich fast so etwas wie das Reich Karls des Großen wieder her. Das ist ganz erstaunlich nach beinahe einem Jahrtausend getrennter Geschichte. Es bezeugt zweierlei. Napoleon wusste die Schwäche des Reiches geschickt auszunutzen und machte sich auch die erwachenden nationalen Bestrebungen der Italiener und Polen zu Eigen. Er verband so ganz geschickt die beiden seine Zeit bestimmenden Tendenzen, den Abstieg der universalen Gewalt des Reiches und die aufsteigenden nationalen Stimmungen.

Um diesen gewonnenen Zustand aber tatsächlich zu ordnen, bedurfte es dann doch wieder der alten Reichsidee, die sich als lebendig erwies. Napoleon nahm den Namen eines Kaisers an und formte allerdings ein französisches Imperium. Er warf damit seinen fast ausschließlich national motivierten Interessen den Mantel des Reiches um und begann ein kurzes Jahrzehnt großer und vor allem großsprecherischer Herrschaft. Die Vorherrschaft einer Nation fast über den gesamten Kontinent war nur möglich geworden durch die Schwäche der übernationalen und überstaatlichen Gewalt und durch das Schwinden des Zusammengehörigkeitsgefühls der europäischen Völker. Der Rausch der Revolution trat in gewisser Weise an die Stelle der Verbundenheit im christlichen Glauben.

Allerdings wurde Napoleon sehr schnell gewahr, dass er mithilfe der französischen Militärmacht alle beherrschen musste, wenn seine Konstruktion Dauer erreichen sollte. Das verführte ihn in das russische Abenteuer mit seinem bekannten Ausgang. Man kann die Idee des Reiches nämlich nicht beliebig usurpieren, denn an ihr hängt nicht nur der Name des Kaisers, sondern auch eine für Europa ganz und gar unverzichtbare Funktion und Verantwortung.

Universalismus

Europa lebt aus der Wechselwirkung zwischen einzelnen Herrschaften, aus denen sich viel später Nationalstaaten bildeten, und dem Reich in seiner nicht nur geographischen Mitte. Es war in den Jahren 800 und 962 erneuert worden, weil das Römische Reich über alle Brüche hinweg die beherrschende Vorstellung davon geblieben war, wie Herrschaft unter Menschen und Völkern errichtet werden musste, um Gleichnis und Verheißung ewiger Ordnung sein zu können. Die eigentliche Ordnung Europas lag also von Anfang an in der Balance zwischen Universalmacht und den einzelnen Völkern, Kulturen und Staaten. Das Miteinander von Universalität und Partikularismus machte das Reich selbst aber auch das Wesen ganz Europas aus.

Darin liegt der einzige Grund dafür, warum dem Reich, als Träger der universalen Macht, die Aufgaben der Verteidigung zufielen. Das Reich wurde zum Verteidiger der Kirche und des christlichen Glaubens und zum Verteidiger gegen diejenigen äußeren Feinde, denen einzelne Herrscher und Völker nicht gewachsen waren. Die Hunnen, die Ungarn, die Türken stehen hier in einer Reihe.

Die innere Struktur Europas war mithin geprägt durch die Bipolarität von Staaten und Nationen auf der einen und einer im Reich repräsentierten überstaatlichen und übernationalen Ordnung auf der anderen Seite. Genauso wie der Mensch selbst in der Spannung zwischen Individualität und Gesellschaft lebt, so lebte Europa aus der Beziehung zwischen den Staaten und dem Reich. Dabei war es nie jemandem in den Sinn gekommen, dass das Reich alle und alles beherrschen müsse. Sehr wohl war es aber selbstverständlich, dass das Reich vor allen und allem den Vorrang hatte.

Deutschland

Die Rolle oder Verantwortung des Reiches wuchs den Deutschen in der Geschichte dann mehr zu, als dass sie sie suchten. Das war in der Hauptsache der geografischen Lage des Siedlungsraumes der Völkerschaften geschuldet, die einmal die Deutschen werden sollten. In der Mitte des Kontinents konnte man sich schwerlich auf sich selbst zurückziehen, war beeinflusst und durchzogen von den Nachbarn und ihren Kulturen. Man ließ sich aber auch beeinflussen und wurde in Vielem ein Schmelztiegel der Kulturen.

Es bildete sich über die Jahrhunderte hinweg ein Identitätsgefühl, das nicht einmünden wollte in eine bloße Nation, wie es den Spaniern, den Franzosen, den Polen und den Briten gelang. Immer wieder zeigte sich auch, dass der Kontinent die zwar nach und nach defensiver werdende, dennoch aber ordnende Gewalt des Reiches brauchte. Das wurde am 12. September 1683 am Kahlenberg vor Wien ganz klar deutlich. Selbst nachdem Europa durch das Martyrium des 30jährigen Krieges gegangen war, wurde es noch einmal seiner äußeren Feinde Herr.

Die bestimmende Erfahrung der Menschen im Reich blieb dennoch diejenige des quälenden und gequälten Ausblutens, obwohl oder gerade weil man sich seiner Aufgaben stellte. Die Erfahrung der demütigenden Réunionspolitik der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts vertiefte diesen Eindruck ins Pathologische. Es war vor allem der nationale Egoismus des französischen Königtums, der das Reich in der Mitte mehr und mehr schwächte und dadurch seine eigene Machtbasis zu vergrößern meinte. Dass man dazu die durch die Türkengefahr eingetretene Notlage des Reiches und anderer schamlos ausnutzte, brannte sich förmlich in das kollektive Gedächtnis über Generationen hinweg und war eben keine Propaganda. Der Raub Straßburgs 1681 und die Zerstörung Heidelbergs 1693 sind dafür die entscheidenden Ereignisse.

Weltreiche

Fast ganz parallel dazu vollzog sich seit dem Schicksalsjahr 1492 die Europäisierung der Welt. Sie wurde getragen vom Gefühl zivilisatorisch-technischer Überlegenheit, von dem ehrlichen Willen zur Christianisierung des Erdkreises, aber selbstverständlich auch von den imperialen Ambitionen großer Mächte. Es entstanden gewaltige weltumspannende Kolonialreiche. Zunächst diejenigen der Portugiesen und Spanier und dann diejenigen der Holländer, Briten und Franzosen. Das Russische Reich spielte eine gewisse Sonderrolle.

Dieser unglaubliche Macht- und Prestigegewinn drohte aber ganz vergessen zu machen, wie sehr man in Europa aufeinander angewiesen, wie sehr das Abendland mit seiner Geistes-, Kultur- und Glaubensgeschichte ein Organismus war, der, wie jeder Organismus, immer nur ein gemeinsames Leben und Überleben gestattet.

Allein darum schon war es ein schwerer Fehler, das durch Napoleon aufgehobene Reich beim Wiener Kongress 1815 nicht zu erneuern. Selbst das ganz und gar machtlose, ganz in seine einzelnen Staaten zerfallene Reich hielt doch zumindest die Erinnerung an die Notwendigkeit und Bedeutung übernationaler Ordnungen wach. Auch diese Erinnerung hatte, wenn nicht mehr real verbindende, so doch immer noch vermittelnde Wirkungen. In der Tat wurde sogar viel davon durch das österreichische Kaisertum fortgetragen. Auch Weltreiche brauchten die sie verbindende Mitte einer gemeinsamen Identität. Was sie der Welt an Konstruktivem bringen wollten, konnten sie ihr nur gemeinsam bringen.

Preußen

Der Deutsche Bund war ohne wirkliches Oberhaupt nun aber weitgehend verwaist und konnte jener Erwartung nicht entsprechen. Er wurde scheinbar zur Nebenbühne des heraufziehenden Dualismus zwischen Österreich und Preußen.

Durch seine Schlüsselrolle in der napoleonischen Zeit war Preußen wiederum ein geradezu identitätsstiftender Nimbus zugewachsen. Aus der tiefsten Demütigung hatte sich diese kleinste europäische Großmacht an die Spitze der Befreiungskriege gekämpft. Wie entscheidend dieses Ereignis war, zeigte sich auch 100 Jahre später noch darin, dass dieses Jubiläum 1913 in Leipzig mit dem bis heute größten Denkmalsbau Europas und in Breslau mit der einzigartigen Jahrhunderthalle gefeiert worden ist. Die Namen Scharnhorst, Gneisenau, Clausewitz und vor allem Blücher sagen alles, was in diesem Zusammenhang notwendig ist. Preußen ging in dauerhaftem Einvernehmen mit Russland und Großbritannien und auch selbst machtpolitisch entscheidend gestärkt aus der Zeit der Fremdherrschaft hervor. Hinzu kamen ein beginnender wirtschaftlicher Aufstieg, der nicht zuletzt mit der Westverschiebung seines staatlichen Schwergewichts durch den Gewinn der Rheinprovinz zu tun hatte, und eine moderne Staatsräson, in der mehr als nur das Fundament des neuzeitlichen Rechtsstaats gelegt war. Alles das zusammen machte es mehr und mehr unmöglich, dass sich Preußen auf die Rolle eines Bundesstaates unter Österreichs Präsidium beschränkte.

Dennoch erreichte dieses fragile Provisorium eines Deutschen Bundes eine Lebenszeit von einem halben Jahrhundert. Diese war neben vielen Instabilitäten, die als Nachbeben der großen französischen Revolution zusammengefasst werden könnten, bestimmt durch neue Versuche der Nachbarn, sich auf Kosten von Bundesterritorien zu arrondieren. Die Schleswig-Holstein-Frage und die Luxemburgkrise mögen dafür beispielgebend stehen.

Anders als zu vorherigen Zeiten, in denen es kaum mehr eine Rolle spielte, unter welcher Oberhoheit deutsche Territorien standen, trat nun aber das Nationalgefühl der im Erlebnis der Befreiungskriege zu Deutschen erwachten Landsmannschaften als politischer Faktor hervor. Die Begehrlichkeiten der Nachbarn weckten und befeuerten das Nationalbewusstsein der Menschen, die nun das Ziel in den Blick nahmen, „von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt“ zu vereinigen, was zu Deutschland gehörte. Ein wirkliches Reich der Deutschen erschien am Horizont.

Der rein nationale Gedanke war allerdings ein Sprengsatz am österreichischen Vielvölkerstaat und fand darum in diesem einen entschiedenen Gegner. Zum anderen sah Frankreich seine Aussichten auf Wiederaufstieg schwinden und seine anmaßende Sehnsucht nach der Rheingrenze getrogen, wenn es zu einem vereinten Deutschland käme, und wurde so zum zweiten Feind deutschen Einheitsstrebens.

Philipp Veit (zugeschrieben), Germania, 1848

Reichseinheit

Die Revolution von 1848/49 war zu ideenreich und gleichzeitig zu tatenarm, als dass sie ein geeintes und funktionierendes deutsches Staatswesen hätte instand setzen können. Zusätzlich erwies sich Russland als selbstloser und treuer Bewahrer des legitimen monarchischen Gedankens und rettete den österreichischen Kaiserstaat durch sein Eingreifen in Ungarn. Dieser status quo hielt sich so noch knappe zwei Jahrzehnte.

Das tatsächlich Gefährliche am deutschen Nationalismus war, dass er in einer gewissen Weise eben auch den Versuch der Deutschen darstellte, ihrer eigentlichen historischen Verantwortung zu entkommen. Ihnen war die Würde des Reiches zugefallen, von der sie Gründe hatten anzunehmen, dass sie ihnen kein Glück gebracht hatte. Die im Religiösen und im Idealismus verankerte Vorstellung einer Zusammengehörigkeit der europäischen Völker und eines gemeinsamen Suchens nach Recht und Gerechtigkeit schien veraltet, überholt, tot. Die Nationalstaaten hatten gesiegt, beherrschten den Welthandel und waren dabei, Weltreiche zu errichten. Das wollten die Deutschen nun auch. Sie wollten einen Nationalstaat, der so ist, wie es alle anderen auch waren, und der diesen dann natürlich nur noch als Konkurrent entgegentrat.

Frankreich und Großbritannien wie auch Russland positionierten ihre Weltreiche ebenso zunehmend in Konfrontation zueinander. Fast vergessen war es, dass man nicht nur konkurrierende, sondern auch immer noch überwältigende gemeinsame Interessen hatte. Alle berauschten sich so sehr an der eigenen Weltgeltung, dass man nicht oder nicht mehr erkannte, dass die Kolonialisierung und Europäisierung der Welt nur gemeinsam betrieben und dauerhaft aufrechterhalten werden konnte.

Mitten in dieser Situation erschuf sich dann in der Mitte Europas ein Deutsches Reich. Pragmatisch, instinktsicher und mit größtem diplomatischen Geschick verstand es Bismarck zunächst die Machtbasis Preußens rasch und für die umliegenden Staaten überraschend zu erweitern. Im Krieg gegen Dänemark 1864 wies er noch gemeinsam mit Österreich die das deutsche Nationalgefühl empfindlich verletzenden Ambitionen des kleinen nördlichen Nachbarn, seine Grenzen nach Süden zu verschieben, zurück und gewann in der späteren Folge für seinen König Schleswig-Holstein. Im 1866 geführten Krieg gegen Österreich sprengte er den Deutschen Bund, entschied den seit Jahrzehnten schwelenden Dualismus zwischen den beiden Großmächten auf deutschem Boden und errichtete mit dem Norddeutschen Bund 1867 einen preußisch geführten modernen und föderalen Verfassungsstaat.

Lorenz Clasen, Germania auf der Wacht am Rhein, 1860

Die Geschichte will bis heute darin gern den Anfang des deutschen Nationalstaats sehen. Man kommt der Wahrheit allerdings näher, wenn man in diesem Geschehen eher eine Teilung erkennt. Ein Nationalstaat aller Deutschen hätte nämlich vermutlich die Zerstörung der Habsburgermonarchie nach sich gezogen und unabsehbare Folgen für den gesamten Donau- und Balkanraum mit sich geführt.

Wie existentiell die Rolle des Vielvölkerstaates dort seit Jahrhunderten war, kann vielleicht dann wieder realistisch ermessen werden, wenn man beobachtet, welche Herkulesaufgabe es offenkundig seit dem Zerfall Jugoslawiens in den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ist, ein Mindestmaß an staatlicher Ordnung allein in Bosnien-Herzegowina aufrecht zu erhalten. Die Zerstörung Österreichs kam folglich nicht in Betracht. Bismarck schonte darum auch den alten Kaiserstaat im Waffenstillstand von Nikolsburg nach der epochalen Schlacht von Königgrätz. Ein protestantisches Übergewicht in Mitteleuropa war jetzt zumindest zu ahnen.

Dem Beitritt der deutschen Staaten südlich der Mainlinie stand aber zunächst noch das Veto Frankreichs entgegen. Es konnte durch Bismarck erst in dem durch Napoleon III. vom Zaun gebrochenen Krieg von 1870/71 überwunden werden. Mit der Kaiserproklamation in Versailles erstreckten sich dann „zwei deutsche Reiche“, wie man in Russland gerne sagte, in der Mitte Europas, die zusätzlich seit 1873 durch ein Bündnis eng miteinander verbunden waren.

Der Frankfurter Frieden vom 10. Mai 1871, durch den auch große Teile des Elsass und Lothringens nach Deutschland zurückkehrten, schuf für ein knappes halbes Jahrhundert eine neue europäische Ordnung. Benjamin Disraeli erkannte rasch, dass dieser Einschnitt in die europäische Geschichte tiefer sein würde, als es derjenige der französischen Revolution gewesen ist.

Weltkrieg

Zwei Bestrebungen trafen seit 1871 radikal und kontrovers aufeinander. Das neue Reich hatte größtes Interesse daran, den gewonnenen Bestand zu bewahren, seine friedliche Entwicklung zu fördern und sich zu diesem Zweck jeder Unterstützung zu versichern, die es bekommen konnte. Bismarcks ruhelose Bündnispolitik war dafür das beste Indiz.

Frankreich hingegen verfolgte verbissen die Revision des Frankfurter Friedens, was ohne die Zerstörung des preußisch-deutschen Staates aber nicht möglich war.

Alle anderen Mächte vertrauten zunächst vollständig den friedlichen und Frieden stiftenden Absichten Bismarcks. Der Berliner Kongress 1878 und die Kongokonferenz 1884/85 waren dafür wichtige Beispiele. Bismarcks Bestreben war es tatsächlich, das Reich im Konzert der europäischen Mächte als „ehrlichen Makler“ zu platzieren. Darüber hinaus gelang es dem Fürsten, das Einvernehmen der drei Kaisermächte immer wieder herzustellen. Diese Konstellation gründete in seiner Überzeugung, dass für das Reich auch ein gewonnener Krieg keinen Siegespreis mehr in Aussicht stellte, der es wert wäre, ihn zu führen.

Das vorwiegend protestantische Deutsche Reich begann, mit seiner Rolle als Mitte und Vermittler etwas von dem zurückzugewinnen, was die Bedeutung des katholisch geprägten Heiligen Römischen Reiches ausgemacht hatte.

Diesem außenpolitischen Konzept trat eine beispiellose wirtschaftliche, wissenschaftliche und kulturelle Entwicklung des Reiches zur Seite. Der Ausbau der Infrastruktur, die Entwicklung der Städte, das Bildungswesen, die Rechtskultur, alle Wissenschaften und die Industrieproduktion machten enorme Fortschritte. Entgegen der sehr spät aufgekommenen kolonialen Ambitionen des Reiches, die durch Bismarck mehr geduldet als befördert wurden, machte das ausgehende 19. Jahrhundert deutlich, dass gar nicht so sehr die weltumspannenden Kolonialreiche eine tatsächliche und dauerhafte Machtbasis waren, sondern die Qualität und Konkurrenzfähigkeit der industriellen Produktion. Das wurde ironischerweise ausgerechnet durch das von den Briten eingeführte Stigma des „Made in Germany“ überdeutlich.

Vielleicht war es ursprünglich tatsächlich der wirtschaftliche Konkurrenzdruck, der es scheinbar mehr und mehr notwendig machte, den Wettbewerber zu diffamieren. Aus Konkurrenten wurden Feinde. Es war der einfachste Weg, die deutsche „Politik der offenen Tür“, wie sie auf der Kongo-Konferenz noch selbstverständlich akzeptiert wurde, in den Marokkokrisen der Jahre 1904 und 1911 als anmaßende deutsche Einmischung und Aggression zu entstellen, obwohl sie in beiden Ereignissen im Kern lediglich auf die Beachtung bestehender Vereinbarungen gedrungen hat.

Die anderen europäischen Mächte nutzten die zugegebener Maßen ungewöhnliche Situation, dass das Reich in der Mitte, die naturgemäß vermittelnde Gewalt, im Gewand eines Nationalstaats daherkam, um dieses zu unterminieren und zu diskreditieren. Der insbesondere nach den Marokkokrisen stereotyp erhobene Vorwurf, das Reich strebe die Vorherrschaft in Europa an, war aus dieser Situation geboren. Allerdings war er vollkommen haltlos, denn die Stellung des Deutschen Reiches war eine ganz natürliche Folge seiner geographischen Lage, der Größe seiner Einwohnerschaft von fast 60 Millionen um 1900, seiner wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung und seiner militärischen Kraft. An den ersten drei Fakten konnte niemand im Reich, selbst wenn er es gewollt hätte, irgendetwas ändern. Die militärische Stärke wiederum war angesichts der Bewaffnung seiner Nachbarn zu keinem Zeitpunkt unangemessen. Selbst die vielgescholtene Flotte des Kaisers erreichte in Europa hinsichtlich ihrer Größe nie mehr als den dritten Platz.

Dennoch blieben die beiden sehr unscharfen Argumente von der Störung des Gleichgewichts in Europa und dem unterstellten deutschen Vormachtstreben bis zum Weltkriegsausbruch bestehen und das, obwohl den „beiden deutschen Reichen“ seit 1908 die verbündeten Weltreiche Großbritanniens, Frankreichs und Russlands gegenüberstanden. Eine merkwürdige, verräterische Situation.

Es ist demaskierend, dass gerade die Briten sich ihres eigenen Ranges offenbar so wenig gewiss waren, dass sie sich 1904 dem allein auf die französische Revanche gegründeten russisch-französischen Bündnis zuordneten.

Frankreich ließ sich ausschließlich vom Revanchestreben und Großbritannien von einer panischen Furcht vor einer deutschen Vorherrschaft leiten. Welche realen Ziele sollten sich aber daraus ableiten? Weder an den geographischen Gegebenheiten von Fläche und Bevölkerung, noch an der Dynamik der wirtschaftlichen Entwicklungen im industriellen Zeitalter konnte man irgendetwas ändern.

Darüber hinaus stand die Politik der hemmungslosen nationalen Konkurrenz in einem merkwürdigen Gegensatz zur kosmopolitischen Struktur der Herrschenden. Die Mutter des Deutschen Kaisers war eine Engländerin mit deutschem Vater, an der Spitze Ungarns stand eine deutsche Dynastie, die russische Zarin war eine Deutsche, der König Rumäniens gehörte zum Hause Hohenzollern und die Könige Belgiens, Bulgariens und Großbritanniens zur Familie Sachsen-Coburg. Darin bildete sich noch immer sehr viel von dem traditionell universalen und übernationalen Europa ab, wie in Jahrhunderten weitgehend friedlich gewachsen war. Die Monarchen jener Jahre waren nicht aus der Vergangenheit überdauerte Potentaten, sondern Identifikationspunkte der Zusammengehörigkeit, wie zur Hochzeit der einzigen Kaisertochter 1913 in Berlin noch einmal sichtbar wurde.

Dennoch ereignete sich der ungeheuerliche Versuch, diese Wirklichkeit selbst zu überwinden.

Mit dem Attentat von Sarajewo kam dazu scheinbar die Gelegenheit. Was in Deutschland niemand für möglich gehalten hätte, trat ein. Russland, Frankreich und dann auch Großbritannien begaben sich auf die Seite der Mörder, obgleich vollkommen unstrittig war, dass Serbien das Attentat unterstützt hatte.

Friedrich August von Kaulbach, Germania, 1914

Der nach dem Krieg viel gerügte und als wichtigster Beweis für eine Kriegsschuld Deutschlands angesehene Blankoscheck war der Tatsache geschuldet, dass man deutscherseits in dieser Frage einen großen Krieg für ausgeschlossen hielt, weil die Verantwortung für das grausame Attentat auf Franz Ferdinand d´Este und seine Gemahlin, Herzogin Sophie von Hohenberg, zweifelsfrei feststand und sich die Auseinandersetzung auf Österreich-Ungarn und Serbien lokalisieren würde. Dennoch wurde ein Krieg  vom Zaun gebrochen, in dem Deutschland, Österreich-Ungarn und das Osmanische Reich auf der einen Seite und Russland, Frankreich, Großbritannien und zuletzt auch die USA auf der anderen Seite standen und dem über 10 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Bemerkenswerter Weise gingen die letzten verzweifelten Versuche, den Frieden doch noch zu wahren, vom Deutschen Kaiser und vom Zaren Russlands aus.

Die Hauptlast der militärischen Leistung auf Seiten der Mittelmächte trugen die Deutschen. Nur durch den Widerstandswillen ihrer Heere hielt man über vier Jahre stand. Wenn es eines Beweises bedurfte, dass es in Europa ein reales Gleichgewicht der Kräfte gab, dann war er in diesen vier Jahren erbracht worden. Im November 1918 gaben die Mittelmächte dann auf, obgleich sie kaum mehr erschöpft waren als Frankreich und Großbritannien.

Katastrophe

Die eigentliche Katastrophe trat erst nach dem Ende der Kampfhandlungen ein. Ähnlich naiv, wie man auf deutscher Seite am Anfang des Krieges wenigstens auf die Vernunft der Briten gehofft hatte, die mit ihrer Neutralität dem Wahnsinn Grenzen gesetzt hätten, vertraute man nun auf die Fairness der Amerikaner, die für einen gerechten Frieden sorgen sollten. Wie aber hätte der aussehen können nach der grauenhaften Zahl von Toten?

Der amerikanische Präsident präsentierte einen Friedensplan, der an den Wirklichkeiten des Kontinents vorbeiging und sein wichtigstes Prinzip, das Selbstbestimmungsrecht der Völker, hinsichtlich der größten Nation Europas gar nicht bereit war, zur Anwendung zu bringen. Außerdem sprach er schon vorab eine absurde Verurteilung aus, indem er die 1871 im Frankfurter Frieden vereinbarte Rückkehr von Elsass-Lothringen in das Reich als ein Unrecht bezeichnete, „das den Weltfrieden über 50 Jahre hinweg erschüttert hat“.

Wie vergiftet jetzt schon die Verhältnisse waren, zeigte sich hinsichtlich der Österreichfrage. Der Zusammenbruch Österreich-Ungarns veranlasste die Deutschen dort, im verbliebenen der „beiden deutschen Reiche“ Zuflucht zu nehmen. Die "Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich", die sich am 21. Oktober aus den 1911 gewählten Reichsratsabgeordneten des deutschen Siedlungsgebietes der Habsburger Monarchie konstituiert hatte, verabschiedete am 12. November 1918 eine Verfassung für den neuen Staat. Deren Artikel 2 lautete: "Deutschösterreich ist ein Bestandteil der Deutschen Republik" und machte damit vom Selbstbestimmungsrecht der Völker Gebrauch, das zur entscheidenden Grundlage des neuen Europas werden sollte.

Damit wäre zwangsläufig, trotz des verlorenen Krieges, ein deutscher Staat in der Mitte Europas zustande gekommen, der noch größer, und, da er im Inneren unzerstört war, auch wirtschaftlich noch stärker gewesen wäre, als es das Vorkriegsdeutschland gewesen ist.

Was also hätten die Sieger erreicht?

Der um das angeblich gestörte Gleichgewicht in Europa geführte Krieg hatte erwiesen, wie austariert das Gleichgewicht in Europa tatsächlich war, und nun erst in seinem Ergebnis jede Aussicht auf Gleichgewicht und Stabilität für Jahrzehnte zerstört. Der tiefe Fall Russlands und die Zerstörung der Doppelmonarchie öffneten der Anarchie und dem Verfall alle Tore. Man hatte Gefahren heraufbeschworen, die in einem auch nur im Ansatz vergleichbaren Maß zu keiner Zeit vor dem Ausbruch des Krieges bestanden. War vor diesem Hintergrund die Zugehörigkeit des weitgehend deutsch besiedelten Elsass-Lothringens tatsächlich eine relevante Frage? Hätte nicht jeder verantwortlich handelnde Politiker Frankreichs vor dem Krieg Rechenschaft darüber geben müssen, wie ein zu gewinnendes Gebiet gegen einen viel mächtigeren Gegner dauerhaft behauptet werden sollte?

Wie sollten die „Siegermächte“ das nun angerichtete totale Desaster vor ihren Völkern rechtfertigen?

Es gab nur einen Ausweg. Man musste die besiegte Macht vollständig moralisch dämonisieren, um das stattgefundene Morden irgendwie zu begründen. In Versailles wurde den Deutschen ein Diktat zugemutet, wie es in der Geschichte bis dahin noch nicht vorgekommen war. „Deutschland verzichtet“ war das bestimmende Schlagwort, durch das für absehbare Zeit vor allem eines ganz und gar unmöglich gemacht wurde: Der Frieden.

Das größte Volk, die stärkste Macht des Kontinents wurden ausgeplündert, gedemütigt, entmilitarisiert und dadurch schutzlos gemacht, durch die Reparationen ruiniert und kollektiv als Verbrecher diffamiert. Es wurde die Geschichte umgedeutet und entgegen von Vernunft und Wahrheit der Kriegsschuldartikel 231 in die Welt gesetzt. Ausgerechnet die Moral wurde zur parteiisch eingesetzten Waffe erniedrigt, um den Gegner dauerhaft niederzuhalten. Das hat die Kultur des Umgangs der Staaten miteinander fast vollständig vergiftet.

Wir wollen nur kurz daran erinnern, dass der Krieg im Jahr 1914 nicht als Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele geächtet, also nicht unmoralisch war. Jeder souveräne Staat hatte das Recht auf den Krieg. Er musste dann aber auch natürlich das Risiko in Kauf nehmen, diesen unter Umständen zu verlieren. Aber gerade dann konnte er sich bis 1918 immer darauf verlassen, dass nach dem Ende des Krieges Sieger und Besiegte den Frieden aushandelten. So geschah es 1815 in Wien, 1871 in Frankfurt, 1898 im Vertrag von Paris zur Beendigung des Spanisch-Amerikanischen Krieges, und Woodrow Wilson wäre natürlich niemals auf die Idee gekommen, die nun nur 20 Jahre zurückliegende Annexion Puerto Ricos als Unrecht an Spanien zu deklarieren, 1902 in Vereeniging, zur Beendigung des Burenkrieges, wo Großbritannien übrigens gezeigt hatte, wie sehr ihm die Bedeutung von Großmut und Entgegenkommen als Grundlagen dauerhaften Friedens bewusst war, und 1905 im Vertrag zu Portsmouth unter amerikanischer Vermittlung, zur Beendigung des Russisch-Japanischen Krieges. Erst in Versailles wich man davon radikal ab.

Die Sieger hatten nämlich militärisch keines ihrer Ziele erreicht. Deutschland blieb die größte Nation Europas. Seine Schwächung, selbst nach den gewaltigen Anstrengungen der vier Kriegsjahre, würde unter normalen Bedingungen nur kurzzeitig sein und dann würde sich eine zugespitzte Situation ergeben, denn die Westmächte waren alles andere als gestärkt aus dem Krieg hervorgegangen.

Der Weltkrieg hatte nach ihrem Verständnis kein Problem gelöst und sollte darum mit anderen Mitteln fortgesetzt werden. Die Macht Deutschlands sollte durch Rüstungsbeschränkung, durch wirtschaftliche Ausplünderung ungekannten Ausmaßes und durch Gebietsabtretungen dauerhaft niedergehalten werden. Eine wahnwitzige Idee, die nur durch die Verzweiflung über den völlig sinnlosen Tod von Millionen Menschen erklärt, aber auch dann nicht gerechtfertigt werden kann. Am verhängnisvollsten war der totale Bruch mit allen bisherigen völkerrechtlichen Gepflogenheiten und Grundsätzen.

Die Deutschen sollten neben dem vielfältigen Elend, das sich in der Folge von Krieg und Revolution ergab, das alles ertragen und zusätzlich in einer neuen staatlichen Ordnung leben, die mit allen ihren ein Jahrtausend alten Traditionen brach, permanent instabil und korrumpiert war und durch die Drangsalierungen der Sieger keinen einzigen wirklichen Erfolg aufweisen konnte. Die Inflation ruinierte alle Ersparnisse der Menschen und die zunehmende Polarisierung der Parteien demolierte jedes Vertrauen in die staatliche Verfassung.

Was sollte aus dieser Konstellation folgen?

Auf der anderen Seite standen Siegermächte, die ihre eigenen Ressourcen so sehr geschwächt hatten, dass sie kaum mehr die Kraft fanden, ihre Weltreiche, die infolge der Aufteilung des Osmanischen Reiches sogar noch größer geworden waren, wirksam zu kontrollieren, und die das Reich in der Mitte Europas, dessen Vorherrschaft sie angeblich verhindern wollten, nun erstmals tatsächlich fürchten mussten, denn es war vollkommen klar und im Deutschen Reich politischer Konsens von ganz links bis ganz rechts, dass man das Versailler Diktat revidieren müsse. Die Weimarer Republik war dadurch in keinem Augenblick ein saturierter Staat, wie es das Kaiserreich sehr wohl gewesen ist.

War das erfolgreiche Politik?

Es wird hier noch gar nicht geredet von den katastrophalen Folgen der bolschewistischen Revolution mit bereits in den 20er und 30er Jahren Millionen von Toten und einer bis in die Fundamente hinein zerstörten, zuvor weitgehend christlichen Kultur.

Einer einzigen Spekulation soll hier kurz Raum gegeben werden. Vielleicht gab es in der Folge der Locarno-Verträge von 1925 die Chance, Europa in der Erkenntnis zu einen, dass der Bolschewismus in Russland eine tödliche Gefahr für alle ist. Es wäre das Bündnis von Demokratien gegen den totalitären Staat gewesen. Es hätte den Weg in die Diktatur vielleicht vermieden, wenn Deutschland, Frankreich und Großbritannien nun die Bannung des Bolschewismus herbeigeführt hätten, so wie Russland, Preußen und Großbritannien 1814/15 Napoleon schlugen oder 1686 vor Wien die Türken gemeinsam besiegt wurden. Es wäre eine Rückkehr zum Gemeinschaft stiftenden Geist Europas möglich gewesen. So wehten denn durch jene Monate neblige Gedanken vom Vereinten Europa. Sie setzten sich aber nicht durch. Noch immer war für Großbritannien und Frankreich Deutschland die überragende Gefahr, selbst in Zeiten der Demokratie und der Fesselung durch die Bestimmungen von Versailles. Die Furcht vor der beherrschenden Macht in der Mitte des Kontinents war inzwischen paranoid und die Bekämpfung Deutschlands zum Selbstzweck geworden. Zynisch könnte man sagen, dass die Westmächte es dankbar verfolgten, wie mit dem Preußenschlag 1932 die Demokratie im Deutschen Reich Schritt für Schritt abgeräumt wurde, und ein Staat in Erscheinung trat, gegen den man ungezügelte Feindschaft aufbieten konnte.

Der Kampf gegen die überstaatliche und übernationale Ordnung und damit gegen das Wesen Europas trat in sein letztes Kapitel.

Implosion

Die Folge derartiger Ausweglosigkeiten ist dann immer die Radikalisierung, und genau die trat nun auch ein.

Welche realen Optionen gab es, nach der Machtergreifung Hitlers und dem zunächst langsamen und dann immer schneller werdenden machtpolitischen Wiederaufstieg Deutschlands? Die Ziele Hitlers waren ganz ohne Zweifel von Anfang an die völlige Revision von Versailles und der Sieg über den Bolschewismus. Hätte man ihn aber diesen Kampf siegreich führen lassen, dann hätte das seine tatsächliche und völlige Vorherrschaft in Europa bedeutet. Das also, was man dem Kaiserreich immer nur angedichtet hat, wäre durch den Diktator real erreicht worden. Ein Gipfel perverser Logik, dem man nun gegenüberstand.

Dennoch gab es starke Kräfte in Großbritannien und auch in Frankreich, die sogar bereit waren, diese Entwicklung zuzulassen, so groß waren Erschöpfung und Kriegsunwilligkeit noch immer nach dem letzten ruinösen Ringen. Durchgesetzt haben sie sich nicht. Nachdem das Wesen und die innere Struktur Europas in ihrer Balance aus Universalismus und Partikularismus im I. Weltkrieg vollständig zerstört worden war, trat nun die Frage nach der totalen Beherrschung Europas, die man im ausgehenden 19. und im beginnenden 20. Jahrhundert als politische Fiktion ständig beschworen hatte, als reale Bedrohung hervor.

Die Westmächte hatten nicht mehr das Potential, die absurde Ordnung von Versailles zu verteidigen. Kaum reichten die wirtschaftlichen und militärischen Kräfte, um die eigenen Weltreiche zum Schein aufrecht zu erhalten. Die Befreiungsbewegungen in aller Welt hatten sehr genau begriffen, was mit den Ergebnissen des I. Weltkrieges eingetreten war – nämlich der Bankerott des Führungsanspruchs, nicht der einen oder der anderen Macht, sondern ganz Europas. Die Europäisierung der Welt als Zivilisationsprojekt war nämlich immer ein gemeinsames Unternehmen der Mächte.

Die Option der Westmächte war es daher nur noch, Deutschland daran zu verhindern, den Kampf gegen den Bolschewismus erfolgreich zu führen. Dadurch zwang man das III. Reich zunächst in den Krieg nach Westen und scheute später auch nicht das Bündnis mit dem bolschewistischen Russland. Die Folgen sind bekannt.

Wenn es also das Ziel war, eine hegemoniale Stellung des totalitären Deutschlands zu verhindern, dann hatte man das um den Preis der Zerstörung Europas vielleicht erreicht. Gleichzeitig hatte man die Hegemonie Amerikas und des kommunistischen Russlands für ein knappes halbes Jahrhundert herbeigeführt und die eigene Weltgeltung vollständig verspielt.

War das erfolgreiche Politik?

War das sinnvoll oder auch nur zu rechtfertigen angesichts der Tatsache, dass sich nun die Stellung Deutschlands, nur 25 Jahre nach der Wiedervereinigung und trotz der territorialen Reduzierung, wiederherstellt, und das auch wieder nur, weil die Deutschen in der Mitte Europas das zahlenmäßig größte Volk und durch ihre wirtschaftliche Leistungsfähigkeit ein entscheidender Faktor sind?

Fast könnte man sagen, wir stehen in einem Zeitalter nach zwei sinnlosen Kriegen, in denen man versuchte, die Wirklichkeit zu überlisten. Es waren sämtliche Grundlagen einer wirksamen übernationalen Ordnung, auf die Europa doch so dringend angewiesen war, zerstört. Der christliche Glaube als bestimmende geistige Identität und die großen Reiche als zwischen den Nationen vermittelnde und sie verbindende Größen sind verschwunden. Das, was für eine Weile als europäischer Einigungsprozess zustande gebracht worden war, konnte kaum mehr sein als ein sichtbares Ergebnis der allgemeinen politischen Erschöpfung, durch den die sich schleichend fortsetzende Selbstzerstörung noch wenige Jahrzehnte kaschiert werden konnte. Es hat aber keine Zukunft.

Das Europa, an das anzuknüpfen wäre, wird ja als Bedrohung angesehen. Das Europa aber, das man als eine politische Union errichten will, soll die Überwindung dessen werden, was Europa einmal war. Auch das ist wieder dieser für das Zeitalter so typische Kampf gegen die Wirklichkeit. Am Ende im Grunde wieder ein Versuch, die Menschen umzuerziehen und sie ganz zum Guten zu bekehren, ohne dass überhaupt noch erklärt wird, worin „das Gute“ denn nun noch bestünde, weil man es gar nicht könnte. Die Feindschaft zur Wirklichkeit bedeutet eben nicht nur Leugnung der historischen Empirie, sondern lebt vor allem von der Auflösung dessen, was in Tradition, Gesittung, Glauben noch überliefert ist und Halt für die Existenz gab. Aus dem planierten Trümmerfeld soll dann etwas Großartiges erwachsen. Die letzte Illusion. Es bleibt aber nur Leere.

Thomas Roloff

Heilig-Blut-Kathedrale, Jekaterinburg

Sonntag, 15. Januar 2017

Aus dem Erker gesehen




nachgetragen am 2. Februar