Sonntag, 31. Januar 2016

Sonntag & (nachgetragen


Alles ist eine Frage der Zeit. Das ist natürlich so Unsinn, vieles ist es. Zum Beispiel, wenn man die gelobte, aber kaum angerührte angenehme Sauce vom letzten Sonntag, zwischenzeitlich eingefroren, aufwärmt, um festzustellen, sie ist umgekippt, mit anderen Worten das wohlgefällige Aroma hatte sich leicht verflüchtigt, sie kam folglich 1 oder 2 Tage zu spät in der Kälte. Zeit eben.

Und spätestens, wenn man seinen Abend-Weißwein gedankenversunken in die zur Reinigung daneben stehende schicke, leere himmelblaue Glasvase schüttet, statt in das dafür vorgesehene Glas, merkt man, etwas ist gerade nicht wirklich in der Spur. Also fangen wir mit den wichtigen Nebensächlichkeiten an und holen den Sonntagseintrag nach.

Aus den Bildern kann man leicht folgendes ersehen: Es gab Brokkoli, keine Sauce, diverse Schnitzel und Pellkartoffeln. Der Brokkoli hatte neben Muskat auch noch braune Butter abbekommen. Und die Schnitzel wurden wie üblich erst breitgeklopft, in Ei, Mehl und Semmelmehl gewälzt und anschließend in der Pfanne gebraten. Ich habe mir angewöhnt, die zuständigen Gewürze, sprich Muskat, Salz und Pfeffer gleich mit dem Ei zu verquirlen.

Sie kamen dann zum Nachruhen in den Ofen. Es ist albern, sich angesichts von Schnitzeln zu loben, aber tatsächlich waren sie mit dem folgenden Tag dann auch verschwunden. Ungenießbar klingt anders.

nachgetragen am 3. Februar

Freitag, 29. Januar 2016

To criticize yourself is smart, W. Busch übersetzt

Wilhelm Busch, ca. 1882

Wilhelm Busch

Die Selbstkritik 
hat viel für sich

Die Selbstkritik hat viel für sich. 
Gesetzt den Fall, ich tadle mich: 
So hab ich erstens den Gewinn, 
Daß ich so hübsch bescheiden bin; 
Zum zweiten denken sich die Leut, 
Der Mann ist lauter Redlichkeit; 
Auch schnapp ich drittens diesen Bissen 
Vorweg den andern Kritiküssen; 
Und viertens hoff ich außerdem 
Auf Widerspruch, der mir genehm. 
So kommt es denn zuletzt heraus, 
Daß ich ein ganz famoses Haus. 

To criticize yourself 
is smart

To criticize yourself is smart. 
Say, I would scold myself to start: 
this brings me, first, the real gain 
that I'm a very modest man; 
for, second, who would not agree 
that I am full of honesty; 
besides, and third, I snatch the prey 
away from what the critics say; 
and, fourth, I hope the crowd presents 
some forceful counterarguments. 
So, in the end, my little rap 
makes me the most admired chap! 
Translation by Walter A. Aue

W. Busch vor seinem letzten Wohnsitz, Pfarrhaus in Mechtshausen

Das Leben schlägt schon seine Purzelbäume, da lese ich also folgendes:

Man nennt ihn schnell einen Humoristen, aber gerade in den Gedichten verbergen sich hinter dem schwungvoll lockeren Faltenwurf seiner Gedanken häufig eine durchdringende Beobachtungsgabe und ein scharfer Humor, die gemeinsam das Unechte, Banale und Aufgeplusterte wegätzen, vor allem aber ein tiefe Lebensweisheit, die oft bis ans Bittere heranreicht, nur daß sich dem letztlich immer seine Herzensheiterkeit in den Weg stellt und Einhalt gebietet. Ein Musterbeispiel, wie hintergründig Humor sein kann, und man fragt sich immer wieder, ob die meisten Menschen ihn gerade deswegen mögen oder weil ihnen dies unter der gefälligen Oberfläche verborgen geblieben ist.

Ende des Eigenzitats. Das ist der einzige Beitrag, den, welches „Ich“ auch immer, bisher zustande bekommen hat. Wenn man die Kommentare (sprich meine) überspringt, ist es immer noch unterhaltend. Nur ein Beispiel.

Es sitzt ein Vogel auf dem Leim,
Er flattert sehr und kann nicht heim.
Ein schwarzer Kater schleicht herzu,
Die Krallen scharf, die Augen gluh.
Am Baum hinauf und immer höher
Kommt er dem armen Vogel näher.
Der Vogel denkt: Weil das so ist
Und weil mich doch der Kater frißt,
So will ich keine Zeit verlieren,
Will noch ein wenig quinquiliren
Und lustig pfeifen wie zuvor.
Der Vogel, scheint mir, hat Humor.

Ich lese mich tatsächlich gerade durch die Übersetzungsseite von Prof. Aue, wollte eigentlich etwas ganz anderes bringen, aber dann dachte ich mir: Fangen wir vom Anfang an an, dann kommen wir nicht so leicht durcheinander. Und es lohnt sich, in der Tat.

nachgetragen am 29. Januar

Dienstag, 26. Januar 2016

William Blake - Autumn


William Blake

Autumn

O Autumn, laden with fruit, and stained 
With the blood of the grape, pass not, but sit 
Beneath my shady roof; there thou may'st rest, 
And tune thy jolly voice to my fresh pipe, 
And all the daughters of the year shall dance! 
Sing now the lusty song of fruits and flowers.

"The narrow bud opens her beauties to 
The sun, and love runs in her thrilling veins; 
Blossoms hang round the brows of Morning, and 
Flourish down the bright cheek of modest Eve, 
Till clust'ring Summer breaks forth into singing, 
And feather'd clouds strew flowers round her head.

"The spirits of the air live on the smells 
Of fruit; and Joy, with pinions light, roves round 
The gardens, or sits singing in the trees." 
Thus sang the jolly Autumn as he sat; 
Then rose, girded himself, and o'er the bleak 
Hills fled from our sight; but left his golden load. 


Der Herbst

Oh Herbst, früchtebeladen, beträuft
mit der Rebe Blut: Bleib hier und sitze
im Schatten bei mir, gönn Dir die Rast!
Dann stimm' Dein lustvoll Lied zu meiner Pfeif'
und lad' des Jahres Töchter all zum Tanz:
Sing uns das Lied der Lust von Frucht und Blüten!

"Die enge Knospe öffnet ihre Schönheiten
der Sonne zu, und Liebe pulst in ihrem Blut;
Blüten verzier'n des Morgens Lider und
träufeln hinab der keuschen Eva Wangen -
bis einend der Gesang erschallt des Sommers
und Federwölkchen ihr die Stirn bekränzen.

Der Lüfte Geister leben in dem Duft
der Frucht, und leichtbeschwingte Freude schwebt
durch alle Gärten, oder singt vom Baum."
So sang der frohe Herbst auf seiner Rast,
stand auf dann, gürtet sich, und über düst're Hügel
entfloh - doch ließ uns gold'ne Fracht.
Übersetzung von Walter A. Aue

So übersetzt uns Prof. Aue aus Canada, ehemals Wien, William Blake. Ich habe kürzlich Herrn Blake regelmäßig für meine Jung-Beiträge mißbraucht, und wo ich gerade über dem nächsten nachgrübele, lieber eben doch dies. Bebildert mit einer sehr eigenen Herbsterinnerung.

Montag, 25. Januar 2016

Politische Leseempfehlung

Unter „Sich vollendender 23. Januar 2016“ notiert Herr Klonovsky „Von ihrem Amt sowie ihrer Geschlechtslosigkeit abgesehen, schienen lange Zeit kaum Ähnlichkeiten oder gar Verbindungen zwischen A. Hitler und A. Merkel zu bestehen.“ Mittlerweile dämmere es vielen, daß es eine womöglich fundamentale, ins Metaphysische reichende Allianz zwischen den beiden geben könnte, sozusagen spiegelbildlich.

Das ist sehr, nein erheiternd trifft es nicht mehr wirklich, aber doch anregend zu lesen. Alles Unvergleichbare abgezogen bliebe doch folgendes übrig: Der eine habe das von ihm beherrschte juvenile Volk in Marsch gesetzt, die halbe Welt zu überrennen, die andere rufe die halbe Welt herbei, das von ihr regierte greise Volk zu überrennen; der eine habe keine fremden Grenzen akzeptiert, die andere akzeptiere keine eigenen Grenzen; der eine habe es auf monströse Weise böse gemeint mit den Fremden, die andere meine es auf monströse Weise gut mit den Fremden; der eine habe übermenschliche Leistungen beim Unterjochen fremder Völkerschaften abverlangt, die andere verlange ihrem Volk übermenschliche Leistungen beim Bewillkommnen fremder Völkerschaften ab; der eine habe Deutschland ruiniert durch eine außer Rand und Band geratene Inhumanität, die andere sei dabei, Deutschland durch eine außer Rand und Band geratende Humanität zu ruinieren.

Frau M. sozusagen als späte Vollstreckerin des Nero-Befehls. Darauf muß man erst mal kommen.

Soweit Herr Klonovsky. Das mag man alles hier zu Ende lesen. Ich schreib es auch nur nächtens, weil mir kürzlich auffiel, daß mein kleiner politischer Beitrag hier überraschend reichlich Leser fand. Zu derlei muß ich mich aber tatsächlich förmlich nötigen, ich mag es einfach nicht, außerdem ist Herr K. viel unterhaltsamer.

Nachtrag

Der Psychologe Hans-Joachim Maaz, der mitunter auch schon mal großen Unsinn erzählt, aber wenigstens nicht ganz unbekannt ist, schreibt übrigens folgenden netten Satz: "Dass etwa zwei Drittel der Weltbevölkerung nach deutschem Asylrecht auch asylberechtigt wären, führt den Streit um eine Obergrenze ad absurdum." Ja, man mag den Rest hier nachlesen.

Sonntag, 24. Januar 2016

Sonntag & (nicht einmal nachgetragen)




Es ist wohl eine Art von Frieden, die einem das Kochen zu gewähren vermag. Die Spuren von Weihnachten sind noch da, wie man sehen kann. Und wir wollen auch nur einen kleinen Essensbericht abliefern.

Vor einiger Zeit fiel mir auf, daß man „Bacon“, wie es neudeutsch heißt, sogar durchaus sinnvoll verwenden kann, nämlich als Verpackung gewissermaßen. Ich hatte einen Schnitzelbraten, der im übrigen gern zu trocken daherkommt, und wollte daher darauf eine Kräuterkruste tun (aus gehackten mediterranen Kräutern, Senf und Butter). Nun sieht die Erfahrung so aus: Soll die nicht völlig schwarz werden, muß man den Braten regelmäßig mit Fond übergießen, wobei die Kräuterkruste eine Neigung entwickelt, schnell mal abzurutschen. Man muß also sehr geduldig zu Werke gehen.

Diese Art von Hingabe fehlte mir gegenwärtig aber komplett. Also habe ich das Ding in besagten Bacon eingewickelt, es funktioniert. Und aufgeschnitten sieht es sogar nett aus.



Dazu gab es Sauerkraut (mit Lorbeer, Piment und viel Pfeffer, das Salz setzen wir einfach mal immer voraus) und Pellkartoffeln. Selbst die Sauce wurde gelobt.


Die Lorbeerblätter habe ich natürlich nicht mitgegessen, die dienen nur dem angenehmen Eindruck. Und mit demselben wollen wir uns auch verabschiedend empfehlen. Für heute.


Freitag, 22. Januar 2016

C. G. Jung „Antwort auf Hiob“ - 5

William Blake: Satan belauert Adam und Eva

Wir wollen das Buch von C. G. Jung tapfer weitererzählen, auch wenn es zum Selbstgespräch werden sollte. Das Erscheinen der Weisheit wurde zu beiläufig behandelt! Wir brauchen ein retardierendes Moment.

Ich denke, daß wir uns die Sache leichter machen, wenn wir sie als den Bericht von einem Mythos vorstellen. Ein Naturwesen, ein Berggott einer abgelegenen Landschaft im vorderen Asien, zunächst nicht so unterschiedlich von vergleichbaren Gestalten, fällt in erhebliche Identitätskonflikte, da er sich für die Menschen wirklich interessiert, genauer gesagt, von ihnen nicht loskommt. Er gewinnt eine Ahnung seiner Einzigartigkeit, teilt sich in bisher unbekannter Weise mit, fällt in moralische Ausweglosigkeiten, entfernt sich uneinholbar weiter vom bisher bekannten Archetypus des Göttlichen und wird sich darüber am Ende seiner selbst bewußt. Und erkennt, er müsse zum Menschen werden.

[Wer wirklich wissen will, was ich darüber bisher zusammengestümpert habe, müßte es unter dem Stichwort „Jung“ eigentlich finden.]

Und dann gewinnt er einen Erklärer in der Gestalt von Carl Gustav Jung!

Jungs Vorteil ist, er nimmt alles sehr ernst, spielt nicht damit herum, aber sein Geist ist auch ein wenig, sagen wir es höflich, gewunden und schräg. Er landet ständig an Orten, von deren Existenz man nicht einmal eine Ahnung hatte. Aber das ist vermutlich alles nur der eigenen Unbildung geschuldet. Er schöpft dabei übrigens auch aus einer weiten Erzählungsüberlieferung, die sich mitunter recht pittoresk um die Hl. Schrift geschlungen hat.  

Und darum hören wir Jung noch einmal original in seiner Mythendeuterei. Er begibt sich also auf die Suche nach den Webfehlern in der Schöpfung:

„Wir wollen nun das, was auf die Gotteswandlung folgt, aus den Andeutungen der Heiligen Schrift und der Geschichte zu rekonstruieren versuchen. Zu diesem Zwecke müssen wir in die Urzeit der Genesis zurückkehren, und zwar zum Urmenschen ante lapsum. Dieser hat als Adam die Eva, als seine weibliche Entsprechung, aus seiner Seite durch die Mithilfe des Schöpfers hervorgebracht, wie letzterer aus seinem Urstoffe den hermaphroditischen Adam und mit ihm den gottähnlich geprägten Teil der Menschheit, nämlich das Volk Israel und andere Nachkommen Adams, geschaffen hat. In geheimer Entsprechung mußte es Adam geschehen, daß sein erster Sohn (gleich wie Satan) ein Übeltäter und Mörder vor dem Herrn war, womit sich der Prolog im Himmel auf der Erde wiederholte.“

Man könne unschwer vermuten, daß hierin der tiefere Grund liege, warum Jahwe den mißratenen Kain in seinen besonderen Schutz nahm, sei er doch Satans getreues Abbild im Diminutiv. „Von einem Vorbild für den früh verblichenen Abel, der Gott lieber war als Kain, der fortschrittliche (und darum wahrscheinlich von einem Satansengel instruierte) Ackerbauer, haben wir allerdings nichts gehört.“

Darum wohl auch konnte sein irdisches Abbild Abel so bald wieder der bösen Welt enteilen und zum Vater zurückkehren, während Kain den Fluch seiner Fortschrittlichkeit einerseits und seiner moralischen Minderwertigkeit andererseits im irdischen Dasein habe auskosten müssen.

„Wenn der Urvater Adam das Abbild des Schöpfers trägt, so sein Sohn Kain sicherlich dasjenige des Gottessohnes Satan, und darum dürfte begründete Vermutung bestehen, dass auch der Gottesliebling Abel seine Entsprechung έν ύπερουρανιω τόπω [an überhimmlischem Orte] hatte.“

Die ersten bedenklichen Zwischenfälle, die sich gleich anfangs in einer anscheinend geglückten und befriedigenden Schöpfung ereigneten, der Sündenfall und der Brudermord, ließen aufhorchen, und man müsse sich unwillkürlich vergegenwärtigen, daß die Anfangssituation, als nämlich der Geist Gottes den wüsten Abgrund bebrütete, kaum ein schlechthin vollkommenes Resultat erwarten ließe.

Auch habe der Schöpfer ausgerechnet den ersten Schöpfungstag nicht wohlwollend kommentiert. „Er sagte einfach nichts“. „Es ist klar, dass dieser unvermeidliche Dualismus schon damals, wie auch später, nicht recht ins monotheistische Konzept passen wollte, weil er auf eine metaphysische Zwiespältigkeit hinweist. Dieser Spalt muß, wie wir aus der Geschichte wissen, durch die Jahrtausende hindurch immer wieder geflickt, verheimlicht oder gar geleugnet werden.“

Trotz alledem habe er sich gleich zu Anfang schon im Paradies zur Geltung gebracht, indem dem Schöpfer eine merkwürdige Inkonsequenz unterlaufen wäre, nämlich die Erschaffung der Schlange, die sich als erheblich klüger und bewußter als Adam erwiesen habe. Es sei kaum zu vermuten, daß Jahwe sich selber einen solchen Streich gespielt habe; viel wahrscheinlicher dagegen habe hier sein Sohn, der Satan, seine Hand im Spiele. Er sei ein Trickster und Spielverderber und liebe es, ärgerliche Zwischenfälle zu veranlassen.

Eine später entstandene Sage meine, daß die Schlange im Paradies Lilith, Adams erste Frau gewesen sei, mit der dieser das Heer der Dämonen erzeugt habe. Die Hl. Schrift kenne nur Eva als legitime Gattin. Merkwürdig bleibe aber, daß der das Abbild Gottes darstellende Urmensch in der Tradition ebenfalls zwei Frauen habe, wie sein himmlischer Prototypus. Wie dieser mit dem Weibe Israel legitim verbunden sei, dabei aber seit Ewigkeit ein weibliches Pneuma zur vertrauten Gefährtin habe, so habe Adam zuerst Lilith (die Tochter oder Emanation des Satan) zur Frau als (satanische) Entsprechung zu Sophia.

„Ob Eva für Adam eine ebenso unbequeme Gattin war, wie das sozusagen beständig mit Untreue flirtende Volk für Jahwe, entzieht sich unserer Kenntnis. Jedenfalls bedeutet das Familienleben der Ureltern nicht eitel Freude: Ihre beiden ersten Söhne stellen den Typus des feindlichen Brüderpaares dar, denn damals bestand anscheinend noch die Sitte, mythologische Motive zu verwirklichen.“ Heutzutage werde dies als anstößig empfunden, und darum, wenn es vorkomme, geleugnet.

Wie konnte es zu diesen Schöpfungsunfällen kommen? „Wie später, so besteht schon hier der Verdacht, dass aus der Allwissenheit keine Schlüsse gezogen wurden, das heißt, Jahwe besinnt sich nicht auf sein Allwissen und ist infolgedessen nachher vom Resultat überrascht.“

Dieses Phänomen lasse sich auch bei Menschen beobachten, nämlich überall dort, wo man sich den Genuß seiner eigenen Emotion nicht versagen könne. Es sei zuzugeben, daß ein Wutanfall oder eine Trauer ihre heimlichen Reize hätten. Wenn dem nicht so wäre, hätten sogar die meisten Menschen schon einige Weisheit erlangt.

Nach dieser eher trivialen Beobachtung läßt uns Jung auch schon kurz an einem Höhenzug östlicher Weisheit vorbeifliegen: „Von hier aus vermögen wir vielleicht etwas besser zu verstehen, was sich mit Hiob ereignet hat. Im pleromatischen oder Bardozustand (wie die Tibetaner ihn nennen) herrscht zwar ein vollkommenes Weltenspielen, aber mit der Schöpfung, d. h. mit dem Übertritt der Welt in das distinkte Geschehen in Raum und Zeit beginnen die Ereignisse sich aneinander zu reiben und zu stoßen.“

Verdeckt und geschützt vom Saume des väterlichen Mantels setze Satan bald hier bald dort falsche und in anderer Hinsicht richtige Akzente, wodurch Verwicklungen entstünden, die auf dem Plane des Schöpfers anscheinend nicht vorgezeichnet gewesen wären und darum als Überraschungen wirkten. Während die unbewußte Kreatur wohl befriedigend funktioniere, ginge es mit dem Menschen irgendwie anhaltend schief.

Zwar sei anfänglich sein Bewußtsein nur unmerklich höher als das der Tiere, weshalb auch seine Willensfreiheit sich als äußerst beschränkt erwiese. Aber Satan interessiere sich für ihn und experimentiere in seiner Art mit ihm, verführe ihn zu Ungehörigkeiten, und seine Engel lehrten ihn Wissenschaften und Künste, welche bisher der Vollkommenheit des Pleromas vorbehalten gewesen wären. Satan habe schon damals den Namen Luzifer verdient gehabt.

Satan als Prometheus-Variation, hm, man sieht, Jungs Geist ist wirklich voll von alten Bildern.

„Die sonderbaren, nicht vorausgesehenen Extravaganzen der Menschen erregen Jahwes Affekte und verwickeln ihn dadurch in seine eigene Schöpfung. Göttliche Interventionen werden zu gebieterischen Notwendigkeiten. Es ist diesen aber ärgerlicherweise jeweils nur vorübergehender Erfolg beschieden, selbst die drakonische Strafe der Ertränkung alles Lebenden (mit Ausnahme der Erwählten), welcher nach der Auffassung des alten Johann Jakob Scheuchzer sogar die Fische nicht entgangen sind..., hat keine dauernde Wirkung.“

Die Schöpfung erweise sich nach wie vor als infiziert. Seltsamerweise suche Jahwe die Ursache dafür immer bei den Menschen, die anscheinend nicht gehorchen wollten, nie aber bei seinem Sohn, dem Vater aller Trickster. Diese unrichtige Orientierung könne seine ohnehin schon reizbare Natur nur verschärfen, so daß die Gottesfurcht bei den Menschen allgemein zum Prinzip und sogar als Anfang aller Weisheit betrachtet werde.

Während die Menschen sich unter dieser harten Zucht anschickten, ihr Bewußtsein durch den Erwerb einer gewissen Weisheit, d. h. zunächst Vorsicht oder  Besonnenheit zu erweitern, werde aus dieser historischen Entwicklung ersichtlich, daß Jahwe seine pleromatische Koexistenz mit Sophia seit den Tagen der Schöpfung offensichtlich aus den Augen verloren habe

An ihre Stelle träte der Bund mit dem auserwählten Volk, das dadurch in die weibliche Rolle gedrängt werde. „Das damalige 'Volk' bestand in einer patriarchalen Männergesellschaft, in welcher der Frau nur eine sekundäre Bedeutung zukam. Die Gottesehe mit Israel war daher eine wesentlich männliche Angelegenheit, etwa wie die (ungefähr gleichzeitige) Gründung der griechischen Polis.“ Die Unterlegenheit der Frau sei eine ausgemachte Sache gewesen. Die Frau gelte als unvollkommener als der Mann, wie schon die Anfälligkeit der Eva für die Einflüsterungen der Schlange im Paradiese ausweise.

Nun diese psychologische Sicht würde schon einiges erklären, auch Israels Untreue etwa. Aber wir wollen das beim besten Willen nicht vertiefen, schon aus Gründen der Dezenz, dafür ist der Gedanke schon reichlich zu gruselig. Anschließend erläutert Jung seine Geschlechterpsychologie.

Die Vollkommenheit nämlich sei ein männliches Desideratum, während die Frau von Natur aus zur Vollständigkeit neige. Und auch noch heute könne der Mann besser und auf längere Zeit eine relative Vollkommenheit aushalten, während sie der Frau in der Regel nicht gut bekomme und ihr sogar gefährlich werden könne. „Wenn die Frau nach Vollkommenheit strebt, so vergißt sie ihrer diese ergänzenden Rolle, nämlich die der Vollständigkeit, die zwar an sich unvollkommen ist, aber dafür das der Vollkommenheit so notwendige Gegenstück bildet.“

Denn wie die Vollständigkeit stets unvollkommen sei, so sei die Vollkommenheit stets unvollständig und stelle darum einen Endzustand dar, der hoffnungslos steril sei. „'Ex perfecto nihil fit' (Anm.: aus Perfektem entsteht nichts), sagen die alten Meister, während dagegen das 'imperfektum' die Keime zukünftiger Verbesserung in sich trägt. Der Perfektionismus endet immer in einer Sackgasse, während die Vollständigkeit allein der selektiven Werte ermangelt.“

William Blake: Nebuchadnezzar

Der Ehe mit Israel liege ein perfektionistisches Vorhaben Jahwes zugrunde. Damit ist jene Bezogenheit, die man als „Eros“ bezeichnen könnte, ausgeschlossen. Der Mangel an Eros, d. h. an Wertbeziehung, träte im Hiob recht deutlich hervor: Das herrliche Paradigma der Schöpfung sei ein Ungetüm, nicht etwa der Mensch - wohlgemerkt! Jahwe habe keinen Eros, keine Beziehung zum Menschen, sondern nur zu einem Zwecke, zu dem ihm der Mensch verhelfen solle. Das alles hindere aber nicht, daß er eifersüchtig und mißtrauisch sei wie nur je ein Ehegatte, aber er meine sein Vorhaben und nicht den Menschen.

„Die Treue des Volkes wird umso wichtiger, je mehr Jahwe der Weisheit vergißt. Aber das Volk verfällt immer wieder der Treulosigkeit trotz vielfacher Gunstbeweise. Dieses Verhalten hat Jahwes Eifersucht und Mißtrauen natürlich nicht besänftigt, daher fällt die Insinuation Satans auf fruchtbaren Boden, als er den Zweifel an Hiobs Treue in das väterliche Ohr träufelt.“

Trotz aller Überzeugung von des letzteren Treue gäbe er ohne Zögern seine Zustimmung zu den schlimmsten Quälereien. Man vermisse hier die Menschenfreundlichkeit der Sophia mehr wie sonst. Selbst Hiob schon sehnte sich nach der unauffindbaren Weisheit.

„Hiob bezeichnet den Höhepunkt dieser mißlichen Entwicklung. Er stellt als Paradigma einen Gedanken dar, der in der damaligen Menschheit reif geworden ist, einen gefährlichen Gedanken, welcher an die Weisheit der Götter und Menschen einen hohen Anspruch stellt.“


Hiob sei sich dieses Anspruches zwar bewußt, wisse aber offenbar nicht genügend um die mit Gott coaeterne Sophia. Weil die Menschen der Willkür Jahwes sich ausgeliefert fühlten, bedürften sie der Weisheit, nicht aber Jahwe, dem bisher nichts entgegenstehe als die Nichtigkeit des Menschen. Mit dem Hiobdrama ändere sich die Situation aber von Grund auf. Hier stoße Jahwe auf den standhaften Menschen, der an seinem Recht festhalte, bis er der brutalen Macht weichen müsse.

Er habe das Angesicht Gottes und dessen unbewußte Zwiespältigkeit gesehen. „Gott war erkannt, und diese Erkenntnis wirkte nicht nur in Jahwe, sondern auch in den Menschen weiter, und so sind es die Menschen der letzten vorchristlichen Jahrhunderte, welche unter der leisen Berührung durch die praeexistente Sophia, Jahwe und seine Haltung kompensierend, gleichzeitig die Anamnesis der Weisheit vollziehen. Die Weisheit, in hohem Maße personifiziert und damit ihre Autonomie bekundend, offenbart sich ihnen als freundlicher Helfer und Anwalt Jahwe gegenüber und zeigt ihnen den lichten, gütigen, gerechten und liebenswerten Aspekt ihres Gottes.“

William Blake:  Erzengel Raphael mit Adam und Eva

nachgetragen am 24. Januar 

Donnerstag, 21. Januar 2016

Beiläufiges zu Caspar David Friedrich

Caspar David Friedrich, "Mönch am Meer", unrestauriert

Verschafft der Firnis des Alterns einem Artefakt eine besondere Würde?  Oder bewegen wir uns in einer Ursprünglichkeitsfalle, weil wir die Zeit besiegen zu können meinen.

"Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am Meeresufer, unter trübem Himmel, auf eine unbegrenzte Wasserwüste hinauszuschauen. Dazu gehört gleichwohl, daß man dahin gegangen sei, daß man zurück muß, daß man hinüber mögte, daß man es nicht kann, daß man Alles zum Leben vermißt, und die Stimme des Lebens dennoch im Rauschen der Flut, im Wehen der Luft, im Ziehen der Wolken, dem einsamen Geschrei der Vögel, vernimmt. Dazu gehört ein Anspruch, den mein Herz an das Bild machte, und ein Abbruch, um mich so auszudrücken, den Einem die Natur tut.

Dies aber ist vor dem Bilde unmöglich, und das, was ich in dem Bilde selbst finden sollte, fand ich erst zwischen mir und dem Bilde, nämlich einen Anspruch, den mein Herz an das Bild machte, und einen Abbruch, den mir das Bild tat; und so ward ich selbst der Kapuziner, das Bild ward die Düne, das aber, wo hinaus ich mit Sehnsucht blicken sollte, die See, fehlte ganz.

...und da es, in seiner Einförmigkeit und Uferlosigkeit, nichts, als den Rahm, zum Vordergrund hat, so ist es, wenn man es betrachtet, als ob Einem die Augenlider weggeschnitten wären."

So Heinrich von Kleist, u.a. Worte anderer adaptierend. Ich habe dazu hier auch einmal einigen Quark geschrieben. Jetzt ist das Bild restauriert. Ich sollte dringend in die Reichshauptstadt, wo sie doch sozusagen um die Ecke liegt. Denn, was ich von den dürftigen veröffentlichten Bildern im aufgeregten Feuilleton (das gibt es also doch noch, man sehe etwa dort und dort, und hier ist das Bildbeiwerk am überzeugendsten) sehen kann:

Das ist ja fast Biedermeier. Nun gut es war die Zeit. Aber dazu der obige Text? Sind wir 200 Jahre später schon so verroht, das nur noch irgendwie „nett“ finden zu können. Ich bin fasziniert und eigentlich sprachlos. Und das vor diesen Bildschnipseln.

Der Mönch stehe auf kargem Sand vor einer leeren anstürmenden Unermeßlichkeit ohne Orientierung, ein Mensch standhaltend der Unendlichkeit und dabei zugleich ein Teil dieser Unendlichkeit werdend. Das ungefähr hatte ich geschrieben.

Er steht da immer noch in einem kaum faßbaren Raum. Dennoch ist alles so klar geworden. Der Mönch am Strand, das Meer wie eine schmale Brücke zur Unendlichkeit, alle Dissonanzen, Variationen und Harmonien von Blau sind anwesend, die sich um so mehr klären, je mehr man nach oben blickt. Die Sichtbarmachung der Transzendenz.

Der spätere Friedrich Wilhelm IV. konnte als Halbwüchsiger seinen eher schlichten Vater dazu überreden, dieses und das Partnerbild zu erwerben. In der Jugend hat man halt noch manchmal Einsichten. Wie gesagt, ich muß da dringend hin.
nachgetragen am 22. Januar

Kleiner Nachtrag

Eben stolpere ich über einen Beitrag, der die Presse zu diesem Ereignis viel hingebungsvoller abbildet als mir dies jemals vergönnt sein wird; sollte man durchaus lesen, so das Sujet konveniert.
nachgetragen am 30. Januar

Sonntag, 17. Januar 2016

Sonntag & (nachgetragen)


Es mag Tage geben, die mögen so unersprießlich sein wie auch immer, meistens haben sie doch ihre komischen Momente. So zum Beispiel den, beim Essen-Kochen in einer als klein gedachten Zwischenpause im Lesesessel einzuschlafen und vom Fiepen des Rauchmelders geweckt zu werden, der eigentlich nur anzeigte, daß der Rosenkohl eben so richtig angebrannt war.


Eine Ente im Backofen ist da ja streßresistenter, da mußte nur ein wenig Wasser nachgegossen werden. Wir hatten zu viele leicht ausgetrocknete Zitrusfrüchte (und ich schmeiß ja so ungern was weg, so lange es noch nicht gänzlich verdorben ist), und mit viel frischem Zitronensaft ergab das einen netten Eindruck. Die Ente ging also.


Die Bilder wurden furchtbar und der Rest des Abends anstrengend, aus völlig un-kulinarischen Gründen. Und da ist man halt im Dilemma, schweigt man, breitet sich quasi gefühls-exhibitionistisch aus (allein die Option läßt eine schreck-schaudernd erstarren), oder hakt es einfach ab.


Wir haben es gerade abgehakt (ist ja auch schon wieder 3 Tage weiter. Die Zeit vergeht (und wir in ihr), ob man will oder nicht, obwohl, ich sage ja oft, irgendwann ist man wahrscheinlich hinüber, und merkt es dann gar nicht.


Hm, offen gestanden, mag ich diesen ganzen Tonfall nicht. Also ändern wir ihn einfach mit ein paar Bildern.



nachgetragen am 20. Januar

Weihnachts-Verabschiedung



Der Baum ist also zersägt. Aber so treten doch immerhin einige andere Trouvaillen ans Licht, und bis zu Mariäe Reinigung ist es ja noch ein paar Tage. Also, eine gute Nacht!


Samstag, 16. Januar 2016

C. G. Jung „Antwort auf Hiob“ - 4

William Blake, „Adam findet Abel“

Die Verweise auf die vorausgegangenen Beiträge mag man hier nachlesen. Wir kämpfen uns jetzt weiter durch besagtes Buch. Und wer das vorige anstrengend fand, sei gewarnt, denn jetzt breitet Jung seine Arme aus und fliegt uns davon, und wir dürfen uns entscheiden, ob wir auf dem Boden verharren wollen oder ihm folgen. Wir könnten es ja versuchen, abstürzen können wir später immer noch.

Hagia Sophia, Konstantinopel, Maria, Fragment

Das Erscheinen der Weisheit Gottes

„Bevor wir uns nun der Frage zuwenden, wie der Keim der Unruhe sich weiter entwickelte, wollen wir unseren Blick rückwärts wenden auf die Zeit, in welcher das Hiobbuch verfaßt wurde. Leider ist die Datierung unsicher. Es wird angenommen, daß es zwischen 600 und 300 v. Chr. zustande gekommen ist, also zeitlich nicht allzu fern von den sogenannten Sprüchen Salomos (4. - 3. Jahrhundert). In letzteren nun begegnen wir einem Symptom griechischen Einflusses, der, wenn früher angesetzt, über Kleinasien, wenn später, über Alexandrien das jüdische Gebiet erreicht hat. Es ist die Idee der Σοφία oder Sapientia Dei, eines coaeternen, der Schöpfung praeexistenten, annähernd hypostasierten Pneuma weiblicher Natur: ... (Spr. VIII, 22 ff.).“

Unerfreulicherweise wissen wir seitdem nicht wesentlich mehr. Und ich muß noch einmal warnen, das Hiob-Kapitel war das einfachere. Gott entdeckt also die Weisheit, wieder, und weil Herr Jung das so schön beschreibt, folgt er erneut im Wortlaut:

„Gleichzeitig oder etwas später wird es ruchbar, was geschehen ist: er hat sich eines weiblichen Wesens, das ihm nicht minder gefällig ist als den Menschen, erinnert, einer Freundin und Gespielin seit der Urzeit, eines Erstlings aller Gottesgeschöpfe, eines fleckenlosen Abglanzes seiner Herrlichkeit von aller Ewigkeit her und einer Werkmeisterin der Schöpfung, seinem Herzen näher verwandt und vertraut als die späten Nachfahren des sekundär geschaffenen, mit der Gottesimago geprägten Protoplasten (Urmensch). Es ist wohl eine dira necessitas, welche den Grund zu dieser Anamnesis der Sophia bildet: es konnte nicht mehr so weitergehen wie bisher; der 'gerechte' Gott konnte nicht mehr selber Ungerechtigkeiten begehen und der 'Allwissende' sich nicht mehr so verhalten, wie ein ahnungs- und gedankenloser Mensch. Selbstreflexion wird zur gebieterischen Notwendigkeit, und dazu braucht es Weisheit: Jahwe muss sich seines absoluten Wissens erinnern. Denn, wenn Hiob Gott erkennt, dann muß auch Gott sich selber erkennen. Es konnte nicht sein, daß aller Welt Jahwes Doppelnatur ruchbar wurde und nur ihm selber verborgen blieb. Wer Gott erkennt, wirkt auf ihn. Das Scheitern des Versuches, Hiob zu verderben, hat Jahwe gewandelt.“

„Weisheitssprüche scheinen an der Tagesordnung zu sein, und ein eigentliches Novum, nämlich apokalyptische Mitteilungen, macht sich bemerkbar. Das deutet auf metaphysische Erkenntnisakte, das heißt auf 'konstellierte' unbewußte Inhalte, die bereit sind, ins Bewußtsein durchzubrechen. In allem ist, wie schon gesagt, Sophias hilfreiche Hand am Werke.“

Wenn man Jahwes Verhalten bis zum Wiederauftreten der Sophia im Ganzen betrachte, so falle die eine unzweifelhafte Tatsache auf, daß sein Handeln von einer inferioren Bewußtheit begleitet sei. Immer wieder vermisse man die Reflexion und die Bezugnahme auf das absolute Wissen. Seine Bewußtheit scheine nicht viel mehr als eine primitive „awareness“ (wofür es leider kein deutsches Wort gäbe) zu sein.

„Man kann den Begriff mit 'bloß wahrnehmendes Bewußtsein' umschreiben. Awareness kennt keine Reflexion und keine Moralität. Man nimmt bloß wahr und handelt blind, das heißt ohne bewußt reflektierte Einbeziehung des Subjektes, dessen individuelle Existenz unproblematisch ist. Heutzutage würde man einen solchen Zustand psychologisch als 'unbewußt'« und juristisch als 'unzurechnungsfähig' bezeichnen.“

Die Tatsache, daß das Bewußtsein keine Denkakte vollziehe, beweise aber nicht, daß solche nicht vorhanden seien. Sie verliefen bloß unbewußt und machten sich indirekt bemerkbar in Träumen, Visionen, Offenbarungen und „instinktiven“ Bewußtseinsveränderungen, aus deren Natur man erkennen könne, daß sie von einem „unbewußten“ Wissen herrührten und durch unbewußte Urteilsakte und Schlüsse zustande gekommen seien.

„Etwas derartiges beobachten wir in der merkwürdigen Veränderung, die nach der Hiobepisode sich im Verhalten Jahwes eingestellt hat. Es ist wohl nicht daran zu zweifeln, daß ihm die moralische Niederlage, die er sich Hiob gegenüber zugezogen hat, zunächst nicht zum Bewußtsein gekommen war. In seiner Allwissenheit stand diese Tatsache allerdings schon seit jeher fest, und es ist nicht undenkbar, daß dieses Wissen ihn unbewußt allmählich in die Lage gebracht hat, so unbedenklich mit Hiob zu verfahren, um durch die Auseinandersetzung mit letzterem sich etwas bewußt zu machen und eine Erkenntnis zu gewinnen.“

Wie immer, wenn ein äußeres Ereignis an ein unbewußtes Wissen rühre, könne letzteres bewußt werden. Man erkenne das Ereignis als ein „deja vu“ und erinnere sich an ein präexistentes Wissen darum. Etwas derartiges müsse mit Jahwe geschehen sein. Die Überlegenheit Hiobs könne nicht mehr aus der Welt geschafft werden. Damit sei eine Situation entstanden, die nun wirklich des Nachdenkens und der Reflexion bedürfe. Aus diesem Grunde greife Sophia ein. Sie unterstütze die nötige Selbstbesinnung und ermögliche dadurch den Entschluß Jahwes, nun selber Mensch zu werden. Damit falle eine folgenschwere Entscheidung: er erhebe sich über seinen früheren primitiven Bewußtseinszustand, indem er indirekt anerkenne, daß der Mensch Hiob ihm moralisch überlegen sei und daß er deshalb das Menschsein noch nachzuholen habe.

Gott will Mensch werden...


Hätte er diesen Entschluß nicht gefaßt, so wäre er in flagranten Gegensatz zu seiner Allwissenheit geraten. Jahwe müsse Mensch werden, denn diesem habe er Unrecht getan. Er, als der Hüter der Gerechtigkeit, wisse, daß jedes Unrecht gesühnt werden müsse, und die Weisheit wisse, daß auch über ihm das moralische Gesetz walte. „Weil sein Geschöpf ihn überholt hat, muß er sich erneuern.“

„Es sind eigentlich erst die sorgfältigen und vorausschauenden Vorbereitungen zur Geburt Christi, welche erkennen lassen, daß die Allwissenheit anfängt, einen nennenswerten Einfluss auf Jahwes Handeln zu gewinnen. Ein gewisser philanthropischer und universalistischer Zug macht sich bemerkbar. Die 'Kinder Israel' treten gegenüber den Menschenkindern etwas in den Hintergrund, auch hören wir seit Hiob zunächst nichts mehr von neuen Bünden.“

Die Annäherung der Sophia bedeute neue Schöpfung. (Übrigens tritt sie schon im Hiob-Buch selbst kurz auf, das nur nebenbei.) Diesmal solle aber nicht die Welt geändert werden, sondern Gott wolle sein eigenes Wesen wandeln. Die Menschheit solle nicht, wie früher, vernichtet, sondern gerettet werden. Man erkenne in diesem Entschluß den menschenfreundlichen Einfluß der Sophia: es sollen keine neuen Menschen geschaffen werden, sondern nur Einer, der Gottmensch. Wie gesagt, jetzt müssen wir sozusagen Jung konzentriert ertragen.

...und die Hl. Jungfrau hilft dabei


Zu diesem Zwecke müsse ein umgekehrtes Verfahren angewendet werden. Der männliche Adam secundus solle nicht als Erster unmittelbar aus der Hand des Schöpfers hervorgehen, sondern aus dem menschlichen Weibe geboren werden. Die Priorität falle diesmal also der Eva secunda zu, und zwar nicht etwa nur in zeitlichem, sondern auch in substantiellem Sinne.

„Mit Berufung auf das sog. Proto-Evangelium, nämlich speziell Genesis 3, 15, entspricht die zweite Eva dem 'Weibe und seinem Samen', das der Schlange 'den Kopf zertreten' wird. Wie Adam als ursprünglich hermaphroditisch gilt, so gilt auch das 'Weib und sein Samen' als ein Menschenpaar, nämlich als die Regina coelestis und Gottesmutter einerseits und der göttliche Sohn, der keinen menschlichen Vater hat, andererseits.“

So werde Maria, die Jungfrau, als reines Gefäß für die kommende Gottesgeburt auserwählt. Ihre Selbständigkeit und Unabhängigkeit vom Manne werde durch ihre prinzipielle Jungfrauschaft hervorgehoben. Sie sei eine 'Gottestochter', die, wie später dogmatisch festgestellt werden wird, von allem Anfang an schon durch das Privileg der unbefleckten Empfängnis ausgezeichnet und damit von der Befleckung der Erbsünde befreit sei. Ihre Zugehörigkeit zum „status ante lapsum“ sei daher evident. Damit würde ein neuer Anfang gesetzt.

Die göttliche Makellosigkeit ihres Zustandes lasse ohne weiteres erkennen, daß sie nicht nur die imago Dei in ungeminderter Reinheit trage, sondern daß sie als Gottesbraut auch ihren Prototypus, die Sophia, inkarniere. Ihre in den alten Dokumenten ausführlich hervorgehobene Menschenfreundlichkeit lasse vermuten, daß Jahwe in dieser seiner neuesten Schöpfung sich von Sophia in wesentlichen Stücken habe bestimmen lassen. Denn Maria, die „gebenedeite unter den Weibern“, sei eine Freundin und Fürbitterin der Sünder, welche die Menschen allesamt seien. Sie sei wie Sophia eine Mediatrix, die zu Gott führe und den Menschen dadurch das Heil der Unsterblichkeit sichere. Ihre Assumptio sei das Vorbild für die leibliche Auferstehung des Menschen. Als Gottesbraut und Himmelskönigin habe sie die Stelle der alttestamentlichen Sophia inne.

Maria würde durch die Anwendung besonderer Schutzmaßnahmen sozusagen zum Status einer Göttin erhoben und büße damit ihre volle Menschlichkeit ein: Sie würde ihr Kind nicht wie alle anderen Mütter in der Sünde empfangen und daher würde es auch nie ein Mensch, sondern ein Gott sein. Man habe seines Wissens nie gesehen, daß damit die wirkliche Menschwerdung Gottes in Frage gestellt bzw. nur teilweise vollzogen würde. Beide, Mutter und Sohn, seien keine wirklichen Menschen, sondern Götter.

Diese Veranstaltung bedeute zwar eine Erhöhung der Persönlichkeit Mariae im männlichen Sinn, indem sie der Vollkommenheit Christi angenähert würde, aber zugleich auch eine Kränkung des weiblichen Prinzips der Unvollkommenheit bzw. der Vollständigkeit, indem dieses durch Perfektionierung bis auf jenen kleinen Rest, der Maria noch von Christus unterscheide, vermindert würde.

Ich denke, spätestens hier sind die meisten meiner geschätzten Leser innerlich ausgestiegen. Andere, aus dogmatischen Gründen, möglicherweise kurz zuvor. Daß Gott sich seiner bewußt wird und dazu die Weisheit heranzieht, das ist ein schöner Gedanke; daß das nicht ohne Folgen bleiben kann, liegt auf der Hand.

Diese Weisheit mit der allerseligsten Jungfrau in Verbindung zu bringen, gefällt meinem marianisch gestimmten Herzen. Aber wenigstens dieser eine theologische Einwand: Die volle Menschlichkeit wäre ja wohl die ursprüngliche, ursprünglich war der Mensch aber sündlos geschaffen. Eine sündlose Inkarnation stellt also die Menschlichkeit eben gerade wieder her. Doch zurück zu Jung:

“Obschon es sich bei der Geburt Christi um ein geschichtliches und einmaliges Ereignis handelt, so ist es doch immer schon in der Ewigkeit vorhanden gewesen. Dem Laien in diesen Dingen ist die Vorstellung der Identität eines unzeitlichen und ewigen mit einem einmaligen historischen Ereignis stets schwer gefallen. Er muss sich aber an den Gedanken gewöhnen, dass 'Zeit' ein relativer Begriff ist und eigentlich ergänzt werden sollte durch den Begriff einer 'gleichzeitigen' Bardo- oder pleromatischen Existenz aller geschichtlichen Vorgänge.“

Über die natürliche Erkenntnis Gottes 


„Als Jahwe die Welt aus seiner Urmaterie, dem sogenannten 'Nichts', schuf, konnte er gar nicht anders als sich selber in die Schöpfung, die er in jedem Stücke selber ist, hineingeheimnissen, wovon jede vernünftige Theologie schon längstens überzeugt ist. Daher kommt die Überzeugung, man könne Gott aus seiner Schöpfung erkennen. Wenn ich sage, er hätte nicht anders gekonnt, so bedeutet dies keine Einschränkung seiner Allmacht, sondern im Gegenteil die Anerkennung, daß alle Möglichkeiten in ihm beschlossen sind, und es daher gar keine anderen gibt als diejenigen, die ihn ausdrücken.“

„Alle Welt ist Gottes, und Gott ist in aller Welt von allem Anfang an. Wozu dann die große Veranstaltung der Inkarnation? fragt man sich erstaunt. Gott ist ja de facto in allem, und doch muß irgend etwas gefehlt haben, daß nunmehr ein sozusagen zweiter Eintritt in die Schöpfung mit soviel Umsicht und Sorgfalt inszeniert werden soll.“

„Man vergegenwärtige sich, was das heißt: Gott wird Mensch. Das bedeutet nichts weniger als weltumstürzende Wandlung Gottes. Es bedeutet etwas wie seinerzeit die Schöpfung, nämlich eine Objektivation Gottes. Damals offenbarte er sich in der Natur schlechthin; jetzt aber will er, noch spezifischer, gar zum Menschen werden.“

Gott stellt also mit seiner Inkarnation den Menschen in seinem Mensch-Sein wieder her und zugleich erlöst Gott sich selbst, indem er Mensch wird. Wir haben schon einen interessanten Gott als Archetypus in uns, wir Abendländer.

wird, sub conditione Jacobaea, fortgesetzt werden

Freitag, 15. Januar 2016

Sehr widerwilliger politischer Eintrag

Sie haben ihr also einen Brief geschrieben, mein Gott, keinen Antrag wollten sie mehr stellen. Denn das könne sie beschädigen, die Kandesbunzlerin. Aber so konnten immerhin die, denen der hündische Opportunismus nicht den letzten Stolz geraubt hatte, falls jemals vorhanden, sagen: Wir haben ihr einen Brief geschrieben. Und im kleinen Karo ist das ja auch mutig: Man wird von der Pfründenvergabe ausgeschlossen, ist als Stallbewohner stigmatisiert etc., über keine Ahnung verfügend, daß es diesen Stall womöglich bald nicht mehr geben wird.

Ich will diesen Beitrag langweilig halten und mich folglich widerwillig zunächst biographisch stellen. Darum: Als ich noch mit Schulrecht beiläufig zu tun hatte und einem westdeutschen „Kollegen“ vorhielt, seit 1990 hätte sich die Loseblattsammlung Schulrecht verfünffacht, ich wüßte aber nicht, das das Schulsystem in Ermangelung dieser Bereicherung 1991 zusammengebrochen sei, wurde ich sehr herablassend beschieden, dann hätte ich nicht die Rechtsgarantie des Grundgesetzes verstanden und ihre Folgen. Aha.

Der frühere Bundesverfassungsgerichtspräsident Hans-Jürgen Papier redet gerade von einem "eklatanten Politikversagen". Der Verfassungsstaat dürfe nicht "durch die Politik aus den Angeln gehoben werden" und müsse Gefahren entgegentreten, die durch eine dauerhafte, unlimitierte und unkontrollierte Migration entstehen könnten. Wie schön. Eine kleine Erinnerung an 16a des GG:

„(1) Politisch Verfolgte genießen Asylrecht.

(2) Auf Absatz 1 kann sich nicht berufen, wer aus einem Mitgliedstaat der Europäischen Gemeinschaften oder aus einem anderen Drittstaat einreist, in dem die Anwendung des Abkommens über die Rechtsstellung der Flüchtlinge und der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten sichergestellt ist. Die Staaten außerhalb der Europäischen Gemeinschaften, auf die die Voraussetzungen des Satzes 1 zutreffen, werden durch Gesetz, das der Zustimmung des Bundesrates bedarf, bestimmt. In den Fällen des Satzes 1 können aufenthaltsbeendende Maßnahmen unabhängig von einem hiergegen eingelegten Rechtsbehelf vollzogen werden.“

Wenn ich es recht verstanden habe, fordert man in oben genanntem Brief, daß geltendes (?) Recht wieder angewandt werden solle, und es scheint offenbar einige mehr zu geben, die das so sehen (vor allem, wenn sie mittlerweile pensioniert sind).

Herr E. R. von hier hält von solchen Briefen nichts. Die Kanzlerin wisse um die Probleme und es gehe nur mit der Kanzlerin. Da kann man nur noch ausrufen, wenn das der Führer wüßte. Die Anwendung gültigen Rechts schwäche also die Kanzlerin.

Rs. Rostocker Kollege P. S, steht auch zur K'in. Die Lösung des Problems sei nur im europäischen Kontext zu finden. Einen Brief kenne er nicht, sagt Stein, und den werde er auch nicht unterzeichnen. Logisch interessant, aber bekannt.

Übrigens. Die europäische Lösung. Warum sollte es sie geben. Warum sollten andere europäische Länder eine Last mittragen, die diese sog. Kanzlerin, aus welchem Gemütszustand immer, jedenfalls erheblich verursacht hat und die sich erstaunlicherweise auf Deutschland, so man diesen Begriff noch gebrauchen darf, weitgehend beschränkt.. Sie werden es nicht. Und jeder, der anderes behauptet, weiß, daß er gerade alles mögliche erzählt, Wahres nicht. Es ist Beschwichtigungsgetue, angesichts von Tatsachen!

Jeder Bürger darf von einer Regierung verlangen, das bestehende Recht auch tatsächlich in Anwendung zu bringen. Nach dem Wortlaut unseres Grundgesetzes hat niemand, der aus Mitgliedsstaaten der EU oder anderen sicheren Drittstaaten einreist, das Recht, sich auf Artikel 16a, Absatz 1 des Grundgesetzes zu berufen.

Darüber hinaus stellt sich natürlich auch die Frage, wer mit welcher Berechtigung eigentlich die Geltung des Absatzes 2 des Artikels 16a außer Kraft gesetzt hat. Und: Wer hier auf dem Boden des Grundgesetzes steht und wer nicht, sollte doch wohl noch immer ganz zwingend unter strenger Beachtung des Wortlauts des Grundgesetzes entschieden werden.

Eine kleine Beobachtung. Die bundesdeutsche Parteienlandschaft wird im Osten von einem Anteil der Bevölkerung durch Mitgliedschaft mitgetragen, da käme jede Freikirche ins Grübeln. Und selbst das sublimiert rasant. Das könnte man ja noch als Folklore ignorieren und seinem ehrlichen Tagesgeschäft nachgehen, so einem eines gegeben ist.

Oder man sagte sich, die Streben für die Kulisse sind hier nun einmal besonders dünn, aber vielleicht ist das Stück unterhaltsam. Nein, ist es nicht. Um dabei zu bleiben, ich hasse politische Themen hier, es kommt mir jedesmal wie eine Verunreinigung vor, aber das soll eine alte deutsche Untugend sein, insofern tröstet mich der Gedanke, eventuell ein authentisches Artefakt zu sein. Und es ist ja im Kopf, man erstickt fast daran.

Ich kenne das aus dem vergangenen Protektorat, in dem ich mehr als nur meine Jugend genossen habe. Kann es sein, daß man selbst normal ist, die meisten anderen aber sind es nicht? Es klingt nicht plausibel.

Plausibel klingt übrigens auch nicht, was Herr. R aus ihrer Domestiken-Schar oben meinte.

Hingegen steht in besagtem Brief offenkundig Vernünftiges: "Im Jahr 2014 haben wir knapp 200.000 Flüchtlinge aufgenommen. Für das vergangene Jahr gab es die Prognose von 400.000, tatsächlich haben wir im gesamten Jahr 2015 über 1 Million Schutzsuchender aufgenommen. Die genaue Zahl kennen wir nicht und können wir auch nicht kennen, weil einige Flüchtlinge von Deutschland aus in die Nachbarländer weitergereist sind und weil es auch in nicht unerheblichem Umfange unkontrollierte und damit unregistrierte Zuwanderung gegeben hat."

Selbst wenn es bei „nur“ bei  3.000-4.000 Flüchtlingen pro Tag bliebe, würden auch in diesem Jahr wiederum 1 Million Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Das sind Menschen, die in ihrem eigenen Land keine Perspektive hatten und kaum die Voraussetzungen mitbringen, hier eine zu entdecken. Und wenn es doch wenigstens alles nur Syrer wären, das Land hat oder hatte eine überschaubare Einwohnerzahl. Dem ist aber nicht so.

Wir erleben die Entscheidungen irrlichternder Gestalten und den Gehorsam der Horde. Die Entscheidung dieser Frau M, das Elend der Welt ins Land einzuladen, vorbei an Recht und Gesetz, hat alle Chancen, dieses Land zu zerstören, und wem wäre damit am Ende geholfen? Leute in ein brennendes Haus einzuladen, ist allenfalls zynisch oder einfach nur dumm. Mit anderen Worten, vor gut 70 Jahren mußten alle Deutschen in die Welt, damit es gut wird, jetzt müßten alle nach Deutschland, aus nämlichem Grund, beides ist sich spiegelnd krank.

Hier wollte ich eigentlich enden, aber da fällt mir ein regierungsnaher „Demoskop“ (früher, vor etwa 2 ½ Tausend Jahren hieß das Hofprophet) ein. Die Diskussion über die Kölner Silvester-Ereignisse stabilisiere die AfD, die zum Sammelbecken all jener geworden sei, die latent anfällig wären für fremdenfeindliches und rechtsradikales Gedankengut.

Aber er liefert die tröstliche Botschaft für seine Brötchengeber gleich mit: Doch dieses Potential von rund einem Zehntel aller Bundesbürger (die mit den bösen Absichten, Empirie ist Nebensache) habe die AfD weitgehend ausgeschöpft. Mit viel größerem Zulauf müsse deshalb nicht gerechnet werden. Schließlich wüßten die meisten Bürger, daß die AfD außer Parolen nichts zur Lösung dieses Problems beitragen könne.

So spricht also jemand, und wir tun jetzt mal so, als gehöre Demoskopie zu den empirischen Wissenschaften, der berufsmäßig neutral an die Sache herangeht, Vieles wäre noch zu sagen, aber mir ist jetzt schon übel genug. Wir wollen enden mit einem Spruch aus Hesekiel.

„Ist's nicht also, daß euer Gesicht ist nichts und euer Weissagen ist eitel Lügen? und ihr sprecht doch: "Der Herr hat's geredet", so ich's doch nicht geredet habe.
Darum spricht der Herr also: Weil ihr das predigt, woraus nichts wird, und Lügen weissagt, so will ich an euch, spricht der Herr.
Und meine Hand soll kommen über die Propheten, so das predigen, woraus nichts wird, und Lügen weissagen. Sie sollen in der Versammlung meines Volkes nicht sein und in der Zahl des Hauses Israel nicht geschrieben werden noch ins Land Israels kommen; und ihr sollt erfahren, daß ich der Herr bin.
Darum daß sie mein Volk verführen und sagen: "Friede!", so doch kein Friede ist. Das Volk baut die Wand, so tünchen sie dieselbe mit losem Kalk.
Sprich zu den Tünchern, die mit losem Kalk tünchen, daß es abfallen wird; denn es wird ein Platzregen kommen und werden große Hagel fallen und ein Windwirbel wird es zerreißen.
Siehe, so wird die Wand einfallen. Was gilt's? dann wird man zu euch sagen: Wo ist nun das getünchte, das ihr getüncht habt?
So spricht der Herr: Ich will einen Windwirbel reißen lassen in meinem Grimm und einen Platzregen in meinem Zorn und große Hagelsteine im Grimm, die sollen alles umstoßen.
Also will ich die Wand umwerfen; die ihr mit losem Kalk getüncht habt, und will sie zu Boden stoßen, daß man ihren Grund sehen soll; so fällt sie, und ihr sollt darin auch umkommen und erfahren, daß ich der Herr sei.
Also will ich meinen Grimm vollenden an der Wand und an denen, die sie mit losem Kalk tünchen, und will zu euch sagen: Hier ist weder Wand noch Tüncher.
Das sind die Propheten Israels, die Jerusalem weissagen und predigen von Frieden, so doch kein Friede ist, spricht der Herr.
Hesekiel 13,7-16

Dienstag, 12. Januar 2016

C. G. Jung „Antwort auf Hiob“ - 3

William Blake, Und Elohim schuf Adam

Das ist jetzt die dritte Station unserer Lesereise durch C. G. Jungs „Antwort auf Hiob“. Ein Einstieg findet sich hier, eine Darlegung seiner methodologischen Prinzipien dort, vor allem die Erzählung an diesem Ort. Und jetzt soll es um das Gottesbild gehen, das er uns vorstellt. Ich habe mich diesmal sehr bemüht, mich mit aufdringlichen Kommentaren oder Erklärungsversuchen zurückzuhalten. Das müßte schon gesondert erfolgen, auch ein Versuch, die Linien dieses Gottesdramas nachzuzeichnen, sowie  - für die Frommen unter meinen Lesern - wie dies alles einzuordnen sei.

Das soll folgen, aber sicherlich nicht morgen. Sonst laufen mir noch die anderen verbliebenen Leser weg. Nein, das ist natürlich nicht der Grund. Aber man muß ja auch selbst ein wenig über das nachdenken, was man da so liest und schreibt. Und wer das bisherige unbefriedigend findet, nun, dann sind wir schon zwei.


Ein Gott auf der Couch

„Als das Buch entstand“ so Jung, „lagen schon vielerlei Zeugnisse vor, welche ein widerspruchsvolles Bild Jahwes entworfen hatten, nämlich das Bild eines Gottes, der maßlos war in seinen Emotionen und an eben dieser Maßlosigkeit litt. Er gab es sich selber zu, daß ihn Zorn und Eifersucht verzehrten und daß ihm dieses Wissen leidvoll war. Einsicht bestand neben Einsichtslosigkeit, wie Güte neben Grausamkeit und wie Schöpferkraft neben Zerstörungswillen. Es war alles da, und keines hinderte das andere.“

Ein derartiger Zustand sei nur denkbar, wenn entweder kein reflektierendes Bewußtsein vorhanden sei, oder wenn die Reflexion ein bloß ohnmächtig Gegebenes und Mitvorkommendes darstelle. Mit anderen Worten, der Übeltäter schaue sich allenfalls bei seinem Tun selber zu, ohne innezuhalten. Das Stichwort ist gefallen: „Ein Zustand, der solchermaßen beschaffen ist, kann nur als amoralisch bezeichnet werden.“

In einem Menschen, der uns Böses antue, könnten wir nicht zugleich den Helfer erwarten. Jahwe aber sei kein Mensch; Er sei beides, Verfolger und Helfer in einem, wobei der eine Aspekt so wirklich sei wie der andere. Jahwe sei nicht gespalten, sondern eine Antinomie, eine totale innere Gegensätzlichkeit, die unerläßliche Voraussetzung seiner ungeheuren Dynamik, seiner Allmacht und Allwissenheit. Aus dieser Erkenntnis heraus halte Hiob daran fest, ihm „seine Wege darzutun“, das heißt, ihm seinen Standpunkt klar zu machen, denn ungeachtet seines Zornes sei er sich selber gegenüber auch der Anwalt des Menschen, der eine Klage vorzubringen habe.

„Man könnte über die Gotteserkenntnis Hiobs noch mehr erstaunt sein, wenn man von der Amoralität Jahwes hier zum ersten Male vernähme. Die unberechenbaren Launen und verheerenden Zornanfälle Jahwes waren aber seit alters bekannt. Er erwies sich als eifersüchtiger Hüter der Moral; insbesondere war er empfindlich in bezug auf Gerechtigkeit. Er mußte daher stets als 'gerecht' gepriesen werden, woran, wie es scheint, ihm nicht wenig lag. Dank diesem Umstand beziehungsweise dieser Eigenart hatte er distinkte Persönlichkeit, die sich von der eines mehr oder weniger archaischen Königs nur durch den Umfang unterschied.“

Wir sind mittendrin in Jungs Analyse der distinktiven Persönlichkeit, die uns im Gott Jahwe entgegentritt. Das heißt, er nimmt diese aus dem Archetypus des Göttlichen erwachsende Gestalt, genauer Person ernst und wahr und behandelt sie entsprechend. Der Persönlichkeitstypus, den er sieht, ist der eines archaischen Menschen, genauer Herrschers, machtbewußt, amoralisch, willkürhaft. Nur eben mit unendlich gesteigerter Macht. Dazu gehört auch das Abverlangen von Loyalität. Denn Jahwe ist nicht nur ein amoralischer, er ist auch ein einsamer Gott, auf den Menschen angewiesen.

„Sein eifersüchtiges und empfindliches Wesen, das mißtrauisch die treulosen Herzen der Menschen und ihre heimlichen Gedanken durchforschte, erzwang ein persönliches Verhältnis zwischen ihm und dem Menschen, der nicht anders konnte, als sich persönlich von ihm angerufen zu fühlen.“

Um mit einem eigenen Gedanken dazwischenzutreten. Das Erwachen des Religiösen im Menschen war wohl zuerst ein Phänomen von Überwältigung durch eine numinose Macht. Der Einbruch einer gesteigerten Kraft in das menschliche Bewußtsein, der man sich unterwirft, vor der man sich schützt, mit der man sogar in Verbindung treten wollte, um einen Verbündeten zu gewinnen etwa...

Jung findet einen wesentlichen Punkt. Jahwe ist auffällig anders als seine Götterkollegen. Er vergleicht ihn mit dem „allwaltenden Vater Zeus, der wohlwollend und etwas detachiert die Ökonomie der Welt auf altgeheiligten Bahnen abrollen ließ und nur das Unordentliche bestrafte. Er moralisierte nicht, sondern waltete instinkthaft. Von den Menschen wollte er nichts als die ihm gebührenden Opfer; mit ihnen wollte er schon gar nichts, denn er hatte keine Pläne mit ihnen. Vater Zeus ist zwar eine Gestalt, aber keine Persönlichkeit. Jahwe dagegen lag es an den Menschen. Sie waren ihm sogar ein Anliegen erster Ordnung. Er brauchte sie, wie sie ihn brauchten, dringlich und persönlich.“

Nach Jung waren die Menschen des frühen Altertums von ihren archaischen Göttern derlei Launen gewohnt, bei Jahwe war es insofern anders, als in der religiösen Beziehung eine persönlich moralische Bindung hinzutrat. Er bringt als Beispiel für die Problematik den David zugeschriebenen Psalm 89, in dem dieser sich über Jahwes Vertragsbruch beklagt und resümiert:

„Der Interlocutor kann es allerdings nicht wagen, mit dem allmächtigen Partner wegen des Vertragsbruches zu rechten. Er weiß, was er zu hören bekäme, wenn er der bedauernswerte Rechtsbrecher wäre. Er muß sich, weil es sonst lebensgefährlich für ihn würde, auf das höhere Niveau der Vernunft zurückziehen und erweist sich damit, ohne es zu wissen und zu wollen, als dem göttlichen Partner in intellektueller sowohl als moralischer Hinsicht leise überlegen. Jahwe merkt es nicht, daß er 'behandelt' wird, so wenig wie er versteht, warum er anhaltend als gerecht gepriesen werden muß. Er hat einen dringlichen Anspruch an sein Volk, in allen möglichen Formen 'gepriesen' und propitiiert zu werden, mit dem offensichtlichen Zweck, ihn um jeden Preis bei Laune zu erhalten.“

„Jahwe liebt keine kritischen Gedanken, welche den von ihm verlangten Anerkennungszufluß irgendwie schmälern könnten. So laut seine Macht durch die kosmischen Räume dröhnt, so schmal ist die Basis ihres Seins, das nämlich einer bewußten Widerspiegelung bedarf, um wirklich zu existieren. Gültig ist das Sein natürlich nur, wo es jemandem bewußt ist. Darum bedarf ja der Schöpfer des bewußten Menschen, obschon er diesen, aus Unbewußtheit, am Bewußtwerden lieber verhindern möchte.“

Der hieraus sichtbar werdende Charakter passe zu einer Persönlichkeit, die nur vermöge eines Objektes sich ein Gefühl eigener Existenz verschaffen könne. Die Abhängigkeit vom Objekt ist absolut, wenn das Subjekt keinerlei Selbstreflexion und damit auch keine Einsicht in sich selbst besitze. Es habe den Anschein, als ob es nur vermöge des Umstandes existiere, daß es ein Objekt habe, welches dem Subjekt versichere, es sei vorhanden. Wenn Jahwe, wie man wenigstens von einem einsichtigen Menschen erwarten dürfte, wirklich seiner selbst bewußt wäre, so hätte er, in Anbetracht der wirklichen Sachlage, den Lobpreisungen seiner Gerechtigkeit wenigstens Einhalt tun müssen.

Er sei aber zu unbewußt, um „moralisch“ zu sein. Moralität setze Bewußtsein voraus. Damit solle selbstverständlich nicht gesagt sein, daß Jahwe etwa unvollkommen oder böse sei wie ein gnostischer Demiurg. Er sei jede Eigenschaft in ihrer Totalität, also unter anderem die Gerechtigkeit schlechthin, aber auch das Gegenteil, und dies ebenso vollständig.

So wenigstens müsse er gedacht werden, wenn man sich ein einheitliches Bild seines Wesens machen wolle. Wir müßten uns dabei nur bewußt bleiben, daß wir damit nicht mehr als ein anthropomorphes Bild entworfen hätten, welches nicht einmal besonders anschaulich sei. Die Äußerungsweise des göttlichen Wesens lasse erkennen, daß die einzelnen Eigenschaften ungenügend aufeinander bezogen seien, so daß sie in einander widersprechende Akte zerfielen. So zum Beispiel reue es Jahwe, Menschen gemacht zu haben, wo doch seine Allwissenheit von Anfang an genau im Bilde darüber war, was mit solchen Menschen geschehen würde.

Hiob und Gott 

Zurück zu Hiob. Nachdem Jung den Gott Jahwe sehr plastisch analysiert hat, fragt er nach dem Verhältnis der beiden: „Das Verhalten des Gottes ist, vom menschlichen Standpunkt aus betrachtet, dermaßen empörend, daß man sich fragen muß, ob dahinter nicht ein tieferreichendes Motiv verborgen liegt? Sollte Jahwe einen geheimen Widerstand gegen Hiob haben? Das könnte sein Nachgeben gegenüber Satan erklären.“

Was aber besitze der Mensch, das der Gott nicht habe? Wegen seiner Kleinheit, Schwäche und Wehrlosigkeit dem Mächtigen gegenüber besitze er ein etwas schärferes Bewußtsein auf Grund der Selbstreflexion: Er müsse sich, um bestehen zu können, immer seiner Ohnmacht dem allgewaltigen Gott gegenüber bewußt bleiben. Letzterer bedürfe dieser Vorsicht nicht, denn nirgends stoße er auf jenes unüberwindliche Hindernis, das ihn zum Zögern und damit zur Selbstreflexion veranlassen könnte.

„Sollte Jahwe Verdacht geschöpft haben, daß der Mensch ein zwar unendlich kleines, aber konzentrierteres Licht als er, der Gott, besitzt? Eine Eifersucht solcher Art könnte das Benehmen Jahwes vielleicht erklären. Es wäre begreiflich, wenn eine derartige, nur geahnte und nicht begriffene Abweichung von der Definition eines bloßen Geschöpfes das göttliche Mißtrauen erregte... Auch der getreue Hiob könnte schließlich etwas im Schilde führen…, daher die überraschende Bereitschaft, den Einflüsterungen Satans entgegen der eigenen Überzeugung zu folgen!“

„Was ist es - um das Nächste zu nennen - mit dem moralischen Unrecht, das Hiob erlitten? Oder ist der Mensch im Angesichte Jahwes dermaßen nichtswürdig, dass ihm nicht einmal ein 'tort moral' geschehen kann? Das widerspräche der Tatsache, dass der Mensch von Jahwe begehrt wird, und daß es letzterem offenkundig eine Angelegenheit bedeutet, ob die Menschen 'recht' von ihm reden. Er hängt an Hiobs Loyalität, und es kommt ihm so viel darauf an, daß er zugunsten seines Testes vor nichts zurückschreckt.“

Diese Einstellung verleihe dem Menschen beinahe göttliches Gewicht, denn was anderes gäbe es in der weiten Welt, das dem, der alles hat, noch etwas bedeuten könnte? Die zwiespältige Haltung Jahwes, welche einerseits menschliches Glück und Leben achtlos zerträte, andererseits aber den Menschen zum Partner haben müsse, versetze diesen in eine geradezu unmögliche Situation: einerseits benähme sich Jahwe unvernünftig nach dem Vorbild von Naturkatastrophen und ähnlichen Unabsehbarkeiten, andererseits wolle er geliebt, geehrt, angebetet und als gerecht gepriesen werden. Er reagiere empfindlich auf jedes Wörtchen, das auch nur im entferntesten Kritik vermuten ließe, während er sich um seinen eigenen Moralcodex nicht kümmere, wenn sein Handeln mit dessen Paragraphen kollidiere.

Einem derartigen Gotte könne sich der Mensch nur mit Furcht und Zittern unterwerfen und indirekt versuchen, mit massiven Lobpreisungen und ostentativem Gehorsam den absoluten Herrscher zu propitiieren. Ein Vertrauensverhältnis aber erscheine dem modernen Empfinden als völlig ausgeschlossen. Eine moralische Genugtuung gar sei von Seiten eines derart unbewußten Naturwesens nicht zu erwarten, jedoch sei sie Hiob geschehen, allerdings ohne Absicht Jahwes und vielleicht auch ohne Wissen Hiobs, wie es der Dichter jedenfalls möchte erscheinen lassen.

Die Reden Jahwes hätten den zwar unreflektierten, aber nichtsdestoweniger durchsichtigen Zweck, die brutale Übermacht des Demiurgen dem Menschen vorzuführen: „Das bin Ich, der Schöpfer aller unbezwingbaren, ruchlosen Naturkräfte, die keinen ethischen Gesetzen unterworfen sind, und so bin auch ich selber eine amoralische Naturmacht, eine rein phänomenale Persönlichkeit, die ihren eigenen Rücken nicht sieht.“

Das könne wenigstens eine moralische Genugtuung größten Stiles für Hiob sein, denn durch diese Erklärung würde der Mensch trotz seiner Ohnmacht zum Richter über die Gottheit erhoben. „Wir wissen nicht, ob Hiob das gesehen hat. Wir wissen es aber positiv aus so und so vielen Hiobkommentaren, daß alle nachfolgenden Jahrhunderte übersehen haben, wie eine Μοϊρα oder Δικη über Jahwe waltet, die ihn veranlaßt, sich solchermaßen preiszugeben. Jeder, der es wagt, kann sehen, wie Er Hiob unwissentlich erhöht, indem Er ihn in den Staub erniedrigt. Damit spricht er sich selber das Urteil und gibt dem Menschen jene Genugtuung, die wir im Buche Hiob immer so schmerzlich vermißten.“

Nun müssen wir nicht jedem Gedankengang Jungs folgen. Wir versuchen ja auch nur, sie in wesentlichen Punkten nachzuzeichnen. Hiob gewinne also in der Konfrontation mit Jahwe eine Bewußtheit, die ihn diesem gegenüber in den Vorteil bringe. Unbewußtheit sei tierisch-naturhaft. Es sei das Benehmen eines vorzugsweise unbewußten Wesens, das man nicht moralisch beurteilen könne: „Jahwe ist ein Phänomen und 'kein Mensch'.“

„Hiob erkennt die innere Antinomie Gottes, und damit erlangt das Licht seiner Erkenntnis selber göttliche Numinosität. Die Möglichkeit einer derartigen Entwicklung beruht, wie zu vermuten, auf der Gottebenbildlichkeit, die man wohl kaum in der Morphologie des Menschen suchen darf. Diesem Irrtum hat Jahwe selber durch das Bilderverbot vorgebeugt. Indem sich Hiob nicht davon abbringen lässt, seinen Fall, auch ohne Hoffnung auf Erhörung, vor Gott darzulegen, hat er sich ihm gestellt und damit jenes Hindernis geschaffen, an dem das Wesen Jahwes offenbar werden muß.“

Das ist ein höchst interessanter Gedanke. Aber wir wollen doch wenigstens ein wenig vom typischen Jung-Sound bringen, den viele eher, sagen wir höflich, verstiegen finden

„Die neue Tatsache, um die es sich handelt, betrifft den in der bisherigen Weltgeschichte unerhörten Fall, daß ein Sterblicher durch sein moralisches Verhalten, ohne es zu wissen und zu wollen, bis über die Sterne erhoben wird, von wo aus er sogar die Rückseite Jahwes, die abgründige Welt der 'Schalen', erblicken kann.“

Das ist eine Vorstellung der Kabbala. Diese "Schalen“ Kelipoth, welche die bösen und dunkeln Mächte darstellen, bilden die zehn Gegenpole zu den Sefiroth, den zehn Stufen in der Offenbarung der göttlichen Schöpferkraft, und waren ursprünglich mit deren Licht vermischt. Mit der Ausmerzung der Schalen, „Bruch der Gefäße", gewannen die Mächte des Bösen erst eine eigene und wirkliche Existenz.

„Man kann sich kaum dem Eindruck entziehen, daß die Allwissenheit sich allmählich einer Realisierung nähert, und eine Einsicht droht, die von Selbstvernichtungsängsten umwittert zu sein scheint…“ Jung sieht Jahwe also in einer beginnenden Persönlichkeitskrise, die ihm ein Schicksal hätte bereiten können, wie es den griechischen Göttern beschieden war. Wozu es bekanntlich nicht kam, aber wir greifen vor.

„Der unbewußte Geist des Menschen sieht richtig, auch wenn der bewußte Verstand geblendet und ohnmächtig ist: das Drama hat sich für alle Ewigkeit vollendet: Jahwes Doppelnatur ist offenbar geworden, und jemand oder etwas hat sie gesehen und registriert. Eine derartige Offenbarung, ob sie nun zum Bewußtsein der Menschen gelangte oder nicht, konnte nicht ohne Folgen bleiben.“

wird, sub conditione Jacobaea, fortgesetzt

Montag, 11. Januar 2016

C. G. Jung „Antwort auf Hiob“ - 2

William Blake, Satan schüttet die Plagen über Hiob aus

Es geht also weiter mit unserer kleinen Lesereise durch C. G. Jungs „Antwort auf Hiob“ (der vorige Beitrag findet sich hier und ein Einstieg dort). Wir wollen uns diesmal vorrangig der Erzählung und ihren Seltsamkeiten widmen.

Die Erzählung 

Wir setzen den Inhalt des alttestamentlichen Buches als bekannt voraus, gleichwohl sei die Ausgangssituation skizziert: Gott lobt (selbstgefällig?) seinen treuen und wohlhabenden Diener Hiob gegenüber seinem (ja was eigentlich? Sohn? Engel?) jedenfalls offenkundigen Vertrauten Satan. Dieser unterstellt, Hiob würde sich schnell ändern, sollten sich dessen Verhältnisse ändern. Satan schlägt eine Prüfung vor. Und siehe da, Gott beraubt ihn seines Besitzes, erschlägt seine Kinder und Knechte, schlägt ihn am Ende mit Krankheit, nur am Leben müsse er bleiben. (Warum eigentlich? Neugier? Restskrupel? Wir wissen es nicht). Hiob aber bleibt standhaft: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“.

„Um ihm auch die Ruhe zu rauben, werden seine Frau und gute Freunde, die das Unrichtige reden, auf ihn losgelassen. Seine berechtigte Klage findet kein Ohr bei dem um seiner Gerechtigkeit willen gepriesenen Richter. Das Recht wird ihm verweigert, damit Satan bei seinem Spiel nicht gestört werde.“

Man müsse sich Rechenschaft darüber geben, daß sich hier in kürzester Frist dunkle Taten häuften: Raub, Mord, vorsätzliche Körperverletzung und Rechtsverweigerung. Erschwerend komme dabei in Betracht, daß Jahwe keinerlei Bedenken, Reue oder Mitgefühl, sondern nur Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit bekunde. Die Einrede der Unbewußtheit könne man insofern nicht gelten lassen, als er mindestens drei von den von ihm selber auf dem Sinai erlassenen Geboten in flagranter Weise verletzte.

Zu seiner Qual steuerten Hiobs Freunde nach Kräften moralische Torturen bei und anstatt ihm wenigstens mit Herzenswärme beizustehen, moralisierten sie in allzu menschlicher, das heißt stumpfsinniger Weise und beraubten ihn so aller Anteilnahme und allen Verständnisses.

Hiob aber bleibt gegen alle Anwürfe standhaft und behauptet sein Recht, aber wem gegenüber eigentlich?

„Sein Freund Elihu glaubt nicht an die Ungerechtigkeit Jahwes: 'Gott tut nicht Unrecht, und nicht verdreht der Allmächtige das Recht', und begründet diese Ansicht unlogischerweise mit dem Hinweis auf die Macht; man wird zum König auch nicht sagen: 'Du Nichtswürdiger' und 'Du Gottloser' zu den Edlen. Man müsse 'die Person der Fürsten ansehen' und 'des Hohen mehr achten als des Niederen'.

Auf Elihu antwortet Hiob schon nicht mehr, anderen „Freunden“ hatte er es noch, in bemerkenswerter Weise, wie Jung anmerkt:

„Aber Hiob lässt sich nicht erschüttern und spricht ein bedeutendes Wort: 'Schon jetzt, siehe, lebt im Himmel mir ein Zeuge, mir ein Mitwisser in der Höhe … zu Gott blickt tränend auf mein Auge, daß er Recht schaffe dem Manne gegen Gott', und an anderer Stelle: 'Ich aber weiß: mein Anwalt lebt, und ein Vertreter ersteht (mir) über dem Staube.'“

Eine kleine Beobachtung und ein Einwand gegen Jungs Vorwurf, Jahwe würde gegen seine eigenen Gesetze verstoßen. Nun, sich selbst hat er sie ja auch nicht gegeben, und Elihu ist der Grundsatz, daß der König über dem Gesetz stehe, noch durchaus geläufig, in seiner Logik geschieht also nichts Ungewöhnliches.

Hiobs Zwiespalt

Doch Hiobs Antwort wird uns noch länger beschäftigen. Aus ihr ginge hervor, daß er, trotz seines Zweifels, ob ein Mensch vor Gott Recht haben könne, nur schwer von dem Gedanken loskäme, auf dem Boden des Rechtes, und damit der Moral, Gott gegenüberzutreten. Das Wissen, daß göttliche Willkür das Recht beuge, falle ihm nicht leicht, denn er mag seinen Glauben an die göttliche Gerechtigkeit noch immer nicht aufgeben.

Aber andererseits müsse er sich gestehen, daß niemand anders ihm Unrecht und Gewalt antue, als eben Jahwe selber. Er könne nicht leugnen, daß er sich einem Gott gegenüber befinde, der keine für sich verbindliche Ethik anerkenne.

„Das ist wohl das Größte in Hiob, daß er angesichts dieser Schwierigkeit nicht an der Einheit Gottes irre wird, sondern klar sieht, daß Gott sich in Widerspruch mit sich selber befindet und zwar dermaßen total, daß er, Hiob, gewiß ist, in Gott einen Helfer und Anwalt gegen Gott zu finden. So gewiß ihm das Böse, so gewiß ist ihm auch das Gute in Jahwe.“

Für solche Erkenntnisse ist es eigentlich noch zu früh, denn was geschieht? Die Freunde erheben ihre Vorwürfe und Hiob verlangt von Jahwe eine Benennung der Verfehlung, für die er büßen muß, obwohl er weiß:

„Wenn er sich schon reinigte, so würde Jahwe ihn 'in Unrat tauchen... Denn er ist nicht ein Mensch, wie ich, daß ich ihm erwiderte, daß wir zusammen vor Gericht gingen.' Hiob will aber seinen Standpunkt vor Jahwe erklären, seine Klage erheben und sagt ihm, er wisse ja, daß er, Hiob, unschuldig sei, und daß ihn 'niemand errettet aus seiner Hand'. Es 'gelüstet' ihn, 'mit Gott zu rechten'. Er will ihm seine Wege 'ins Angesicht dartun'. Er weiß, dass er 'im Rechte' ist. Jahwe sollte ihn vorladen und ihm Rede stehen oder ihn wenigstens seine Klage vorbringen lassen.“

In richtiger Einschätzung des Mißverhältnisses zwischen Gott und Mensch stelle er ihm die Frage: „Willst du ein verwehtes Blatt erschrecken und einen dürren Halm verfolgen?“ Gott habe sein „Recht gebeugt“. Er habe ihm sein „Recht genommen“. Er achte nicht des Unrechtes. „... bis ich verscheide, beharre ich auf meiner Unschuld. An meiner Gerechtigkeit halte ich fest und lasse sie nicht.“

Ein Ende, das Verwirrung stiftet

Überraschend erscheint Jahwe – mit einer Demonstration seiner Macht! Und Hiob verspricht erschrocken Schweigen. Jung kommentiert Hiobs Antwort auf die göttliche Machtdemonstration so:

„In der Tat, im unmittelbaren Anblick unendlicher Schöpferkraft ist dies für einen Zeugen, dem der Schreck beinahe völliger Vernichtung noch in allen Gliedern liegt, die einzig mögliche Antwort. Wie könnte ein im Staub kriechender, halbzertretener Menschenwurm unter den obwaltenden Umständen überhaupt vernünftigerweise anders antworten? Trotz seiner erbärmlichen Kleinheit und Schwäche weiß dieser Mensch, dass er einem übermenschlichen Wesen, das persönlich äußerst empfindlich ist, gegenübersteht und darum auf alle Fälle besser daran tut, sich aller kritischen Überlegungen zu enthalten, nicht zu sprechen von gewissen moralischen Ansprüchen, die man auch einem Gotte gegenüber glaubt haben zu dürfen.“

Jahwe wird ersichtlich nicht von Gewissensbissen geplagt. Es kommt lediglich zu einer Machtdemonstration, die ins Leere geht. Denn an Gottes Allmacht hatte Hiob ja nun gerade nicht gezweifelt, und zudem wirkt Jahwes Rede, als würde er mit einem ebenbürtigen Widersacher ringen. Hiob erkennt, daß Jahwe ihn gar nicht wirklich bemerkt, sondern offenkundig mit sich selbst stark beschäftigt ist und einen grotesken Zweikampf imaginieren muß.

Hiob widerruft und unterwirft sich mit den interpretationsoffenen Worten: „Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört; nun aber hat dich mein Auge gesehen.“

„Klugerweise nimmt Hiob hier die aggressiven Worte Jahwes auf und legt sich damit unter dessen Füße, wie wenn er tatsächlich der besiegte Gegenspieler wäre. So eindeutig seine Rede klingt, so doppelsinnig kann sie ebenso wohl sein. Ja, wirklich hat er seine Lektion gelernt und 'wunderbare Dinge' erlebt, die man nicht allzu leicht zu begreifen vermag. In der Tat, 'vom Hörensagen' bloß hat er Jahwe gekannt, jetzt aber hat er dessen Wirklichkeit erfahren, mehr noch als David; eine wahrhaft eindringliche Lehre, die man besser nicht mehr vergißt.“

Jung läßt noch einmal Hiobs voriges Gottesbild Revue passieren, das sich soeben hart an der Wirklichkeit stieß:

„Er war früher naiv gewesen, hatte vielleicht sogar von einem 'lieben' Gott geträumt oder einem wohlwollenden Herrscher und gerechten Richter; hatte sich eingebildet, ein 'Bund' sei eine Rechtsfrage, und ein Vertragspartner könne auf einem ihm zugestandenen Rechte bestehen; Gott sei wahrhaft und treu oder zum mindesten gerecht und habe, wie man aus dem Dekalog vermuten dürfte, einige Anerkennung für gewisse ethische Werte, oder fühle sich wenigstens seinem eigenen Rechtsstandpunkt verpflichtet. Er hat aber zu seinem Schrecken gesehen, daß Jahwe nicht nur kein Mensch, sondern in gewissem Sinne weniger als ein Mensch ist, nämlich das, was Jahwe vom Krokodil sagt:

'Alles, was hoch ist, fürchtet sich vor ihm;
er ist ein König über alle stolzen Tiere.'“

Warum die Qualen Hiobs und das göttliche Wettespielen plötzlich zu Ende kommen, sei nicht leicht ersichtlich, so Jung.

Tatsächlich schlägt der Schluß ja noch weit absurdere Purzelbäume. Gut, Hiob hatte sich unterworfen, aber lassen wir den Text des Hiobbuches (Kap. 42, 7 – 10, 16f.) selbst zu Wort kommen:

„Da nun der Herr mit Hiob diese Worte geredet hatte, sprach er zu Eliphas von Theman: Mein Zorn ist ergrimmt über dich und deine zwei Freunde; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.
So nehmt nun sieben Farren und sieben Widder und geht hin zu meinem Knecht Hiob und opfert Brandopfer für euch und laßt meinen Knecht Hiob für euch bitten. Denn ich will ihn ansehen, daß ich an euch nicht tue nach eurer Torheit; den ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.
Da gingen hin Eliphas von Theman, Bildad von Suah und Zophar von Naema und taten, wie der Herr ihnen gesagt hatte; und der Herr sah an Hiob.
Und der Herr wandte das Gefängnis Hiobs, da er bat für seine Freunde. Und der Herr gab Hiob zwiefältig so viel, als er gehabt hatte

Und Hiob lebte nach diesem hundert und vierzig Jahre, daß er sah Kinder und Kindeskinder bis ins vierte Glied. Und Hiob starb alt und lebenssatt.“

Den Schluß muß man in der Tat 3 Mal lesen. Die vermeintlich frommen Freunde Hiobs werden getadelt, warum, bleibt offen etc. etc. Der Dichter des Hiob-Buches beweise meisterhafte Diskretion, wenn er in diesem Moment den Vorhang vor dem Geschehen fallen lasse, denn:

„Zuviel nämlich steht auf dem Spiele: es droht ein ungewöhnlicher Skandal in der Metaphysik mit vermutlich verheerenden Folgen, und niemand ist mit einer rettenden Formel bereit, um den monotheistischen Gottesbegriff vor einer Katastrophe zu bewahren...“

wird fortgesetzt